Und warum gibt es nun darüber Streit?

Um die Probleme auf den wesentlichen Punkt zu konzentrieren: Wenn die katholische Kirche und die lutherischen Kirchen die Spaltung des 16.

Jahrhunderts durch Lehrverständigung überwinden wollten, müßten sie zwangsläufig (aus historischen wie aus theologischen Gründen) bei Luthers Einsicht ansetzen - zugespitzt eben in der "Rechtfertigungslehre". Und sie müßten sich diese entweder gemeinsam zu eigen machen oder sie gemeinsam um ihre radikale Pointe bringen.

Der Vatikan bleibt starr. Also gibt es keinen Konsens

Das eine kann, wie die Verhandlungen um die "Gemeinsame Erklärung" zeigten, Rom (noch) nicht, denn dies hätte umwälzende Folgen für das römische Kirchenverständnis derzeit erkennt der Vatikan die Kirchen der Reformation ja nicht einmal als Kirchen an, was auch, ziemlich befremdlich, die "Gemeinsame Erklärung" dokumentiert. Das andere, die Nivellierung der lutherischen Theologie, können die lutherischen Kirchen nicht zulassen, wenn sie ihren grundlegenden Bekenntnissen nicht untreu werden wollen.

So erzeugt das auch den deutschen lutherischen Landessynoden zur allfälligen Zustimmung vorgelegte Verhandlungsergebnis nur den Eindruck eines Konsenses in Grundfragen oder: eines Grundkonsenses in Fragen der Rechtfertigung - was immer die Klauseln eines Formelkompromisses sein mögen. Zum Ausbruch kam der Streit unter den protestantischen Theologen, als im Laufe der Verhandlungen das zwischen den Delegationen am entscheidenden Punkt schon erzielte Ergebnis wieder verunklart wurde, und zwar aufgrund einer Intervention der römischen Glaubenskongregation.

Zunächst hatte es in der maßgeblichen Passage geheißen, die "Rechtfertigungslehre" sei das Kriterium, an dem sich die gesamte Kirche auszurichten habe, also das einzige Kriterium, entsprechend dem lutherischen "sola fide" - allein durch den Glauben sei der Mensch gerechtfertigt. In der verschlechterten letzten Fassung heißt es nun als gemeinsam formulierte Feststellung, diese Lehre sei ein Kriterium, wenngleich ein "unverzichtbares" - was immer das Füllwort heißen mag, wenn man nicht weiß, welche anderen, möglicherweise im Widerspruch dazu stehenden Kriterien vielleicht auch noch Geltung beanspruchen. Es wird dann aus dem weiteren Text aber schnell klar, daß die katholische Seite unter manchem anderen an der Heilsnotwendigkeit oder doch -förderlichkeit der guten Werke festhalten will. Dann aber fängt, wie bei der "Demutstheologie", der alte Zirkel wieder an: Wieviel Demut, wie viele Werke sind denn notwendig? Kann eine menschliche Leistungsfrömmigkeit je an ihr Ziel kommen? Oder mit einer anderen Formulierung Ernst Käsemanns aus seinem Kommentar zum Römerbrief: Es kommt erneut zum Mißverständnis eines "teils aus Glauben, teils aus Werken".