An der Haltung des Vatikans in diesem Punkt und in anderen wichtigen Fragen zum Thema mag Tadel von außen gar nicht zulässig sein - nur hat man dann im entscheidenden Punkt eben keinen Konsens (und sollte auch nicht so tun, als ob), nämlich in dem Punkt, an dem nach lutherischem Bekenntnis "die Kirche steht oder fällt".

Und das soll das Kirchenvolk (das übrigens, wie die erst richtig anhebende Debatte zeigt, keineswegs allzu schlicht denkt), das soll gar das kirchenlose Volk interessieren? Was dazu theologisch und kirchlich zu sagen ist, müssen Theologen und Kirchenleute untereinander ausmachen. Der Streitfall ist aber darüber hinaus durchaus von Interesse, und zwar nicht nur vom historischen oder rein bildungsbürgerlichen Standpunkt aus - schon gar nicht aus national-kultureller Nostalgie es sind nämlich fast ausschließlich die deutschen Protestanten mit ihrer keineswegs spannungslosen Gemengelage aus lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen der Reformation, die in dieser Sache kritisch reagieren. Nein, das außerkirchliche, weiterreichende Interesse liegt darin: Luthers existentialtheologische Analyse kann über die Jahrhunderte hinweg gerade für die moderne Existenzphilosophie Herausforderung und Ansporn sein. Dies aber nur, wenn ihr der Stachel nicht ausgerechnet von den eigenen Leuten gezogen wird.