Gott und Kohl

Und jetzt, sagt Hintze, muß ich Sie liebevoll und brüderlich rausschmeißen. Noch eine Frage. Läßt sich mit einem Wort beantworten.

Gut.

Sie werden regelmäßig als ölig, heuchlerisch und politisch blaß beschrieben.

Sie seien nur die Stimme Ihres Herrn und Kanzlers. Schmerzt Sie das?

Wir als Theologen, sagt Hintze und atmet noch mal vollste Gelassenheit, wir als Theologen verstehen ja was von Quellenkritik. Es gebe in Hamburg ein großes Nachrichtenmagazin, das habe ihm schon nach drei Tagen Amtsführung alles Üble nachzusagen gewußt. Dies werde immer wieder abgeschrieben, weshalb er, Hintze, an der Journalistenzunft verzweifeln müsse.

Die Verzweiflung ist gegenseitig. Kaum ein Politiker löst im lethargischen Deutschland des ewigen Helmut Kohl solche Allergieanfälle aus wie der CDU-Generalsekretär Peter Hintze. Das ist nicht tragisch, sondern sein Beruf.

Generalsekretäre müssen polarisieren, auf daß ihre Parteien kräftig unterscheidbar bleiben. Hintzes SPD-Kollege Müntefering erklärte kürzlich den holzenden Bayern-München-Vorstopper Katsche Schwarzenbeck zum Archetyp seines Amtes.

Gott und Kohl

Peter Hintze ist nicht Katsche Schwarzenbeck. Er amtiert als Unentschieden zwischen Uli Hoeneß und Jürgen Fliege. Hintze ist Pfarrer. Als er vernahm, daß sein Ostbesuch ein Mensch desselben Gottes sei, war er ganz aufgeräumt.

Soso! rief er. Eine ganze Stunde meines Lebens wollen Sie mir rauben?

Nicht rauben, Herr Hintze. Bereichern.

Ohoho! rief er abermals und setzte die Dauer der Stunde auf 35 Minuten fest.

Die verdoppelten sich immerhin.

Es fällt auf, daß Peter Hintze sein gesamtes Leben auf einem Bierdeckel Rheinland zugebracht hat. Geboren 1950 in Bad Honnef, Vater Landgerichtsrat.

Ab 1968 Theologiestudium in Bonn, im selben Jahr Mitglied der CDU. Hintze betätigte sich im RCDS, dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten. Als Kanzlerknappe hat er sich beizeiten hervorgetan. Auf dem Saarbrücker CDU-Parteitag 1971 unterstützte er den erfolglosen Putschisten Helmut Kohl gegen Rainer Barzel. 1977 wurde er Vikar, dann Pfarrer in Königswinter, das er 1984 verließ, als Heiner Geißler ihn zum Bundesbeauftragten für den Zivildienst berief.

Gott und Kohl

Ab 1990 diente er Angela Merkel, der Ministerin für Frauen und Jugend, als Staatssekretär, bis 1992 CDU-Generalsekretär Volker Rühe Gerhard Stoltenberg als Verteidigungsminister ablöste. Hintze wurde zu Rühes Nachfolger bestellt.

Seither ist er, was er ist - den Linken dieser Republik ein schwarzes Tuch, den wahren Deutschen Bruder Baldrian.

Herr Hintze, darf ich Ihnen ganz kompakt die drei Ihrer Aktivitäten nennen, die mich besonders abgestoßen haben? Erstens diese zynische Rote-Socken-Kampagne, angeblich gegen die PDS, in Wahrheit zu ihrem Nutzen.

Jeder Ostler kann bemerken, daß hier die alte und die neue Staatspartei Arm in Arm die SPD zerdrücken. Zweitens Ihre billige Polemik zum zehnten Jahrestag des SPD-SED-Papiers, das doch 1987 in der DDR eine prima Zitiervorlage gegen das Honecker-Regime war. Und schließlich, was Sie im Oktober nach Günter Grass' Paulskirchenrede losgelassen haben: Grass sei intellektuell ... sei geistig auf dem Tiefpunkt ... Wie war die Formulierung?

Auf seinem intellektuellen Tiefststand angelangt, habe ich gesagt. Ja, seinem.

Was bedeutet Ihnen denn der Autor Günter Grass?

"Die Blechtrommel" habe er gelesen, spricht Hintze, und in der Schule "Katz und Maus". Grass sei literarisch nicht sein Mann. Aber nicht die Literatur habe er attackiert, sondern meinungsfreiheitlich jenem großen deutschen Schriftsteller widersprochen, der sich politisch nun schon den dritten Verstoß geleistet habe. Günter Grass, sagt Hintze, hat sich in sehr zweifelhaften Worten zum Prozeß der deutschen Einheit und zum Rohwedder-Mord geäußert. Und er hat nun zum dritten Mal, das heißt sehr bewußt, ähm, zugeschlagen. Wenn man Grass kommentarlos die deutsche Asylpraxis mit den Zuständen im "Dritten Reich" vergleichen läßt, dann wird das in der Welt für bare Münze aufgenommen.

Gott und Kohl

Zum SPD-SED-Papier befindet Hintze, er verkenne nicht dessen antitotalitäre Eignung. Diese Kröte habe die SED jedoch geschluckt dafür, daß ihr die SPD Friedens- und Reformbereitschaft attestierte. Und wie regimeerhaltend habe sich die SPD zu Solidarnoc in Polen verhalten, wie ignorant zur DDR-Opposition. Sehen Sie die neuen Länder! ruft Hintze, aus dessen Büro im zehnten Stock des Adenauer-Hauses sich herrlich übers Rheintal blicken läßt.

Mit ihrer Wackelhaltung zur PDS macht die SPD keine Punkte. Beziehungen zu den Kommunisten sind immer zu Lasten der Sozialdemokraten gegangen.

Jetzt wird's gemütlich. Das Gespräch hat Magdeburg erreicht, gewiß Peter Hintzes ostdeutsche Lieblingsstadt. Frühling war's, 1994. Mühsam durchstapften die Zugpferde der Bonner Parteien das Ödland vor der herbstlichen Bundestagswahl. Da fiel Hintze himmlisch Manna vor die Füße: das Ergebnis der Magdeburger Landtagswahl. Fortan regierte Sachsen-Anhalt eine rotgrüne Minderheitsregierung, toleriert von der PDS. Hintze und die Seinen schufen jenes Plakat, das den CDU-General noch heute begrüßt, wenn er aus dem Fahrstuhl tritt: eine Wäscheleine vor tiefblauem Grund, die, grün angeklammert, ein flammend rotes Strümpfchen hält: Auf in die Zukunft ... aber nicht auf roten Socken!

Daß die PDS den textilen Geistesblitz bis zum Socken-Souvenirverkauf vereinnahmt hat, dagegen, sagt Hintze, könne man sich nicht wehren. Der CDU-Wahlerfolg der Kampagne sei unbestreitbar. Man müsse verhindern, daß die alten SED-Schurigler abermals die Hebel der Gesellschaft in die Finger bekämen.

Auch Peter Hintze verfügt über das westdeutsche Talent, sich aus wenigen Teilen einen kompletten Osten zu basteln. Die DDR hat er als ein sehr bedrückendes Zwangssystem erlebt, aber viel mehr scheint nicht interessant.

Auf der Abiturfahrt nach Berlin machte Hintze am Bahnhof Friedrichstraße erstmals die Bekanntschaft der DDR-Grenzschikanen. Bei der Ausreise wurde der Klassenlehrer festgenommen: Er entspreche nicht dem Bild in seinem Paß. 1973 während der Ostberliner Weltjugendfestspiele erfreute sich Hintzes Junge-Union-Gruppe liebevoller Abschirmung durch berufsjugendliche FDJ-Aufpasser. Später stammten viele seiner Ostinformationen aus Oybin, der Partner-Pfarrgemeinde von Königswinter. Heinz Eggert hieß Hintzes dortiger Amtsbruder und wurde nach der Wende Innenminister von Sachsen.

Dann war die Stunde um. Hätte man Hintze noch predigen müssen, daß auch die PDS Menschen in der parlamentarischen Demokratie sozialisiert? Daß Erich Honeckers 1987er Staatsbesuch bei Helmut Kohl unvergessen bleibt als inkarniertes CDU-SED-Papier? Daß Treuhand-Chef Rohwedder, nachts auf den Fluren seiner Anstalt melancholisch Rollschuh laufend, zu den zärtlichsten Figuren im Grass-Roman "Ein weites Feld" gehört? All das, oder Ähnliches, weiß Peter Hintze. Und es gewinnt ihm keine Wahl.

Gott und Kohl

Herr Hintze, Sie äußern Reduktionen.

Aber Sie doch auch.

Wie wahr. Jedermanns Politik ist auf's eigene Milieu reduziert, auf dessen Sorgen, Lieblingskämpfe und Moral. Peter Hintze zählt, was zählt. Ihm obliegt das unablässig Allgemeine. Er heißt ja General-, nicht Spezialsekretär. Die Mehrheit ist die Wahrheit der Demokratie.

Könnten Sie wieder Pfarrer werden?

Ja.

Ich meine nicht de jure, sondern menschlich.

So habe ich's auch verstanden.