Grausames Erwachen

Hongkong

Philip Tose, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, das bis vor kurzem Asiens größte Investmentbank außerhalb Japans war, gehörte zu den lautesten Befürwortern der sogenannten asiatischen Werte. 1992, in einem der Aufschwungjahre, pries Tose die Tugenden einer "starken Regierung - einige würden sie auch Diktatur nennen", die "weitaus besseres Wirtschaftswachstum ermöglichen". Seine Peregrine Investment Holding in Hongkong ist inzwischen bankrott gegangen, weil sie eine zu große Wette auf eine dieser starken Regierungen - die indonesische - abgeschlossen hatte.

Tose war nicht allein in seiner Vorliebe für nichtrepräsentative Regierungen, die für ihre "Effizienz" gerühmt wurden. Andere prominente asiatische und westliche Wirtschaftsführer teilten seine Bewunderung für autoritäre Länder wie Indonesien und China, und sie machten sich über die "Ineffizienz" von Demokratien wie Indien und der Philippinen lustig.

Es ist kein Zufall, daß Indonesien jetzt am heftigsten unter der finanziellen asiatischen Krise leidet. Der Grund? Ein despotischer Herrscher, der es verstand, finanziellen Profit aus seiner absoluten politischen Kontrolle zu schlagen, Investoren, die auf Seilschaften statt auf die Kräfte des Marktes setzten, und ein Mangel an Verantwortlichkeit und vernünftiger Finanzkontrolle.

Wir wollen hoffen, daß das grausame Erwachen der Wirtschaft in der Region und Indonesiens verhängnisvoller Weg den Mythos der "asiatischen Werte" - Demokratie und Menschenrechte sind "westliche" Konzepte, die Asien wie auch wirtschaftlichem Wachstum schaden - ein für allemal beerdigt haben.

Inzwischen erkennen die Menschen überall in Asien die Vorzüge einer offenen und verantwortlichen Regierung, und sie beginnen damit, solche Regierungssysteme zu fordern.

Die Länder, die den asiatischen Finanzsturm am besten überstanden haben, sind Demokratien - Taiwan, die Philippinen und Japan. Und die Nationen, die sich in einem Erholungsprozeß befinden, Südkorea und Thailand eingeschlossen, schafften das nur, nachdem sie sich ihrer korrupten ehemaligen Regime durch einen demokratischen Prozeß entledigt hatten.

Grausames Erwachen

Die erste Lehre aus der asiatischen Krise ist: Eine Regierung, die sich gegenüber ihren Menschen nicht verantwortlich fühlt, läßt wahrscheinlich auch keine offenen Märkte und keine anderen Institutionen zu, die die nötige Disziplin zur Überwindung einer finanziellen Krise verlangen können. Eine zweite Lehre ist, daß guanxi (Beziehungen) niemals ein Rechtssystem ersetzen kann.

Jetzt ist es wichtig, daß der Westen von den schwankenden autokratischen Regimen Asiens nicht nur eine wirtschaftliche Umstrukturierung, sondern auch substantielle politische Reformen verlangt. Der Verzicht darauf, die Notwendigkeit von Demokratie und verantwortlichem Regieren festzustellen, brächte nur weitere ökonomische Schwierigkeiten.

Martin Lee ist Vorsitzender der Demokratischen Partei Hongkongs.