Es ist notwendig, die eigene Existenz deutlicher zu manifestieren, vor dem Hintergrund des Todes und des umfassenden Nichts." Diese Erkenntnis war der Motor, der Stanislaw Ignacy Witkiewicz, kurz Witkacy genannt, antrieb, in seinem nur 54 Jahre währenden Leben ein Werk zu schaffen, das Theorie und Kunst in den unterschiedlichsten Medien umfaßt. 1885 in Warschau als Sohn des bekannten Kunstkritikers und Malers Stanislaw Witkiewicz geboren, beginnt er schon früh zu musizieren, zu schreiben, zu malen und auch zu photographieren.

Mit fünfzehn Jahren macht er seine erste Photoserie: Lokomotiven. Penibel genau notiert er zu jeder Aufnahme Ort, Datum, Zugnummer und sogar den Namen des Lokomotivführers.

Es geht ihm also nicht einfach darum, diese beeindruckenden Dinosaurier des technischen Zeitalters vorzuführen, sondern ihr "partikulares Dasein" festzuhalten, entsprechend seiner radikalen Fragestellung: "An diesem Ort des unendlichen Raumes, und in diesem Augenblick der unendlichen Zeit? In dieser Gruppe von Existenzen, gerade auf diesem Planeten?"

Was er mit den Lokomotiven erprobt, wird zu seiner künstlerischen Strategie, zunächst nur in der Photographie und später auch in den Pastellportraits, von denen er bis zu fünfzig Stück von einer Person anfertigt, weil ihm die Gültigkeit des einen Abbildes zweifelhaft erscheint. Jenseits aller heutigen Diskussionen um den vermeintlichen Dokumentarcharakter der Photographie glaubt er an den "einbalsamierten Augenblick", weiß aber gleichzeitig, wie wenig dieser über die komplexe Realität einer Landschaft, einer Sache oder gar eines Menschen aussagt. Er schätzt die Distanz zu sich selbst, die die Technik ihm ermöglicht, und ist doch überzeugt, daß man in jeder Aufnahme auch den Photographen wiederfindet. Sein Kunstbegriff gipfelt in der Theorie der "reinen Form", die aber nicht mit Abstraktion gleichzusetzen ist. Er sucht, was er etwas mißverständlich den Ausdruck des "metaphysischen Gefühls" nennt. Am reinsten aber offenbaren sich die emotionalen Zustände des Menschen im Gesicht, und weil er das weiß, setzt er zur Tarnung Masken auf. Der Künstler muß versuchen, hinter diesen Masken den wahren Menschen zu finden.

Witkacy hat systematisch Gesichter studiert, er beschreibt sich als "Sammler von Visagen, welcher Gesichter frißt, verdaut und erbricht". In den Gesichtern wiederum konzentriert er sich auf die Augen, die ihm eine Öffnung ins Innere versprechen. 1911 verändert er seine Kamera, damit auf der Platte nur noch das Gesicht abgebildet ist. Die extreme Nahsicht, die er oft praktiziert, und die damit verbundene Ausschnitthaftigkeit hat er zehn Jahre vor Umbo und Rodtschenko angewandt und damit Photographiegeschichte gemacht.

Stanislaw Ignacy Witkiewicz, dessen Theorien ohne Freud und Nietzsche kaum denkbar sind, konnte humorvoll-ironisch sein, wurde aber immer wieder von Depressionen heimgesucht. 1939 nach Kriegsausbruch nahm er sich das Leben.

Als Maler, Philosoph, Schriftsteller und Kunsttheoretiker ist er in Polen sehr berühmt, als Photograph war er jedoch in seiner Heimat lange nahezu unbekannt. (Staatliche Galerie Moritzburg bis zum 25. März Katalog 48,- DM)