Beständig Getrommel, Schießen und Marseillaise", berichtet Heinrich Heine seinen deutschen Lesern am 3. März 1848 aus Paris, wo das Volk zehn Tage zuvor den "Bürgerkönig" Louis Philippe gestürzt und die Zweite Republik ausgerufen hat. "Ich fürchte, die dämonischen Freveltöne werden in Bälde auch euch zu Ohren kommen, und ihr werdet ebenfalls ihre verlockende Macht erfahren." Doch da war's schon geschehen: Kaum hatte die Nachricht von der Februar-Revolution Köln erreicht - mitten im Karneval -, da erhoben sich einige Bürger spontan und sangen die Marseillaise. Der Funke der Revolution hatte die Grenze übersprungen und sofort gezündet.

Von den Wiener Kaffeehäusern bis zu den Kneipen mecklenburgischer Kleinstädte wartet man gespannt auf die neuesten Zeitungen. Aufgeregt diskutieren die Menschen miteinander - freudig die einen, ängstlich die anderen. Deutschland, ja ganz Europa ist reif für die Revolution.

Bereits am 12. September 1847 hatten achthundert südwestdeutsche Demokraten in Offenburg voll "männlicher Entschlossenheit" dreizehn Forderungen des Volkes zu Papier gebracht und in ganz Deutschland verbreitet. Sie verlangen Meinungs- und Gewissensfreiheit, Freizügigkeit, Versammlungs- und Vereinsfreiheit. Überdies fordern sie demokratische Verhältnisse in Deutschland: Volksvertretung, Volksbewaffnung, gerechte Besteuerung, Bildung für alle, Geschworenengerichte, "volkstümliche Staatsverwaltung" mit Selbstregierung des Volkes. Schließlich stehen noch zwei Punkte im Programm, die der deutschen Revolution von 1848/49 einen gewaltigen Schub geben werden: "Angleichung des Mißverhältnisses zwischen Arbeit und Kapital" und "Abschaffung aller Vorrechte".

Die kommende Revolution wird eben nicht nur eine Tat des reformwilligen liberalen Bürgertums sein, sondern sie ist undenkbar ohne den Aufstand der unterprivilegierten und mittellosen Massen. Das Metternichsche System, getragen von der Heiligen Allianz (1815) der Kaiserreiche Österreich und Rußland und des Königreiches Preußen, sollte den inneren und äußeren Frieden in Europa sichern, indem es die Bürgerfreiheiten unterdrückte und den unterjochten Völkern ihr Selbstbestimmungsrecht verwehrte. Nach dreißig Jahren hat es sich überlebt. Im Vormärz häufen sich die Krisen.

Ein gewaltiger Bevölkerungszuwachs und eine hohe Arbeitslosigkeit auf dem Lande führen zu einer Massenarmut. Das Elend schreit zum Himmel, als 1846/47 zwei Mißernten samt Kartoffelfäule die preußischen Ostprovinzen heimsuchen.

Am schlimmsten sind die Verhältnisse in Oberschlesien. Zu Hunderten und Aberhunderten sterben die Menschen am Hungertyphus. Wegen der nachfolgenden Teuerung sinkt das Einkommen der landlosen Tagelöhner auf fünfzig Prozent unterhalb des Existenzminimums. Über sechzig bis neunzig Prozent der Stadtbevölkerung gehören zur Unterschicht, mehr als die Hälfte davon lebt knapp über oder unter dem Existenzminimum.

Noch ehe die Arbeiter und Handwerker im März 1848 auf die Barrikaden gehen, bricht der Aufruhr in den ländlichen Gebieten los, zuerst in Süd- und Südwestdeutschland, dann auch in Thüringen und Sachsen, also in denselben Gegenden, wo 1524/25 der große Bauernkrieg getobt hat. Hans-Ulrich Wehler hält in seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte fest: "Südlich des Mains wurde innerhalb einer Woche ... fast jedes standesherrliche Schloß und Rentamt, jedes Reichsrittergut von Bauernhaufen belagert." Die Besitzer oder Verwalter müssen schriftlich auf Abgaben, Jagd- und Gemeinderechte verzichten.