Hamburg

Nachdem ich jahrelang die deutschen Feste meiner Mutter und die persischen Feierlichkeiten meines Vaters miterlebt hatte, fragte ich mich nach meinen kulturellen, historischen, religiösen und gesellschaftlichen Wurzeln. Kurz: nach meiner Identität. Heute weiß ich, daß es diese für mich, streng definiert, nicht gibt.

Wir "Halben" entwickeln unsere ganz eigenen Werte und Wirklichkeiten. Sie sind Synthesen oder Kompromißlösungen aus unserer doppelten Herkunft. In vieler Hinsicht sind wir Deutsche, in anderen Bereichen wieder bestimmt uns unsere andere Hälfte. Oft denken wir deutsch, fühlen jedoch nach unserem nichtdeutschen Part. Wir sind eben auch Deutsche, selbst wenn wir manchmal anders sind. Daß wir aber von den "richtigen Deutschen" anders eingestuft, als quasi nichtdeutsch behandelt werden könnten, das berichteten mir "halbe" Freunde mit dunklerem Teint oder gar Akzent. Persönlich habe ich solche Erfahrungen erst spät gemacht, dann aber gleich mehrmals.

Nachdem ich mein Medizinstudium abgeschlossen hatte, habe ich mich bei über fünfzig Stellen in ganz Deutschland beworben, bis ich endlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Die magere Resonanz war mir unverständlich, denn ich besaß alle denkbaren positiven Qualifikationsnachweise eines Absolventen einer deutschen medizinischen Fakultät. Erst als der Chefarzt bei meinem einzigen Interview fragte, ob ich mich denn wirklich traue, "mit diesem Namen" in seiner Stadt zu arbeiten, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Nach mehreren Recherchen mußte ich verbittert feststellen, daß in nicht seltenen Fällen mein Name ein Ausschlußkriterium war. Zu Beginn meiner Arbeit in jener Stadt gab es zwei Zwischenfälle mit jungen "Landsleuten", die keinen "Bastard" in ihren Mauern dulden wollten - angefangen hatte alles mit einer harmlosen Frage nach meinem Namen.

Daraufhin habe ich mich für eine andere Stadt mit einer liberaleren Grundstimmung entschieden. Auch dort bleibt der ausländisch klingende Name, der an Nahostterror und Fundamentalismus erinnert, ein offensichtlicher Auslöser für Skepsis, Distanzierung und Ausgrenzung - da hilft mir der deutsche Personalausweis auch nicht weiter.

"Integration statt Ausgrenzung" heißt es appellatorisch in der öffentlichen Diskussion. Eines sollte jedoch beim Thema doppelte Staatsbürgerschaft nicht vergessen werden: Die Integration erfolgt in den Köpfen und Herzen der Menschen und nicht mit Hilfe von Reisepässen. Eine forcierte und nur formale Erleichterung der doppelten Staatsangehörigkeit könnte auch latente Proteste reaktivieren. Die erhofften Signale nach Mölln, Rostock und Solingen würden so wirkungslos bleiben.