In den vergangenen Jahren hat sich der Schauplatz des Geisteslebens gewandelt: Der herkömmliche Intellektuelle wurde immer mehr zu einer Randerscheinung. Eine in den fünfziger Jahren genossene Bildung durch die Werke von Freud, Marx und den Modernismus ist für einen denkenden Menschen der Neunziger keine ausreichende Qualifikation mehr. Die traditionellen Intellektuellen werden sogar in einem gewissen Sinne zunehmend reaktionär, und oft sind sie (perverserweise) noch stolz darauf, daß sie nichts über die wirklich bedeutsamen geistigen Leistungen unserer Zeit wissen. Ihre Kultur verleugnet die Naturwissenschaft und ist oft nichtempirisch. Sie bedient sich eines eigenen Jargons und kümmert sich nur um ihre eigenen Belange. Ihr wesentliches Kennzeichen sind Anmerkungen zu Anmerkungen, und diese Spirale der Anmerkungen dreht sich so lange, bis die wirkliche Welt verlorengeht.

C. P. Snow veröffentlichte 1959 ein Buch mit dem Titel "The Two Cultures" ("Die beiden Kulturen"). Snow sah auf der einen Seite die literarisch gebildeten Intellektuellen und auf der anderen die Naturwissenschaftler. In der zweiten Auflage seines Buches fügte Snow 1963 einen neuen Aufsatz hinzu, in dem er die optimistische Vermutung äußerte, eine neue "dritte Kultur" werde entstehen und die Kommunikationslücke zwischen literarischen Intellektuellen und Naturwissenschaftlern überbrücken. Ich übernehme zwar den Ausdruck "dritte Kultur", aber ich meine damit nicht dasselbe wie Snow. Die literarischen Intellektuellen reden auch heute nicht mit den Naturwissenschaftlern aber Naturwissenschaftler wenden sich unmittelbar an das allgemeine Publikum. Diese Vertreter der dritten Kultur gehen daran, ihre tiefsten Gedanken so auszudrücken, daß sie jedem intelligenten Leser zugänglich sind.

Daß ernsthafte Bücher über Naturwissenschaft in den vergangenen Jahren so erfolgreich waren, hat nur die Intellektuellen alten Stils überrascht. Diese Wirkung der dritten Kultur beweist, daß viele Menschen ein großes geistiges Verlangen nach neuen, wichtigen Ideen haben und bereit sind, die Mühe der Weiterbildung auf sich zu nehmen. Die Denker der dritten Kultur verdanken ihre Anziehungskraft nicht nur ihrer guten "Schreibe" was herkömmlicherweise "Naturwissenschaft" hieß, ist heute zur öffentlichen Kultur geworden.

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche naturwissenschaftliche Themen in Zeitungen und Zeitschriften eine bedeutende Rolle gespielt: unter anderem Molekularbiologie, Künstliche Intelligenz, Chaostheorie, Parallelrechner, neuronale Netze, das inflationäre Universum, Fraktale, Superstrings, biologische Vielfalt, Nanotechnologie, das menschliche Genom, Fuzzy Logic, virtuelle Realität, cyberspace und Weltraumbiosphären. Und andere. Es gibt keinen Kanon, keine genehmigte Liste zulässiger Theorien. Genau das ist die Stärke der dritten Kultur: Sie toleriert Meinungsverschiedenheiten über die Relevanz von Ideen. Anders als bei früheren geistigen Strömungen sind die Errungenschaften der dritten Kultur keine nebensächlichen Debatten einer streitsüchtigen Edelkaste, sie werden vielmehr das Leben aller Menschen auf der Erde beeinflussen.

Die Denker der dritten Kultur - zum Beispiel die Physiker Paul Davies und Murray Gell-Mann, Alan Guth, Roger Penrose und Lee Smolin die Evolutionsbiologen Richard Dawkins, Niles Eldredge und Stephen Jay Gould der Philosoph Daniel Dennett die Biologen Lynn Margulis, Stuart Kauffman und Francisco Varela die Computerwissenschaftler Christopher Langton, Marvin Minsky und Roger Schank oder die Psychologen Nicholas Humphrey und Steven Pinker - loten in ihrer Arbeit die Grenzgebiete der heutigen Erkenn tnis aus.

Unter anderem beschäftigen sie sich mit folgenden Fragen: Woher kommt das Universum? Woher stammt das Leben, woher das Bewußtsein?

Aus der dritten Kultur erwächst eine neue Naturphilosophie, die sich auf das Wissen um die Wichtigkeit von Komplexität und Evolution gründet. Sehr komplexe Systeme - seien es nun Lebewesen, Gehirne, die Biosphäre oder das Universum selbst - wurden nicht nach einem Plan konstruiert sie alle haben eine Evolution durchgemacht. Es gibt neue Metaphern, mit denen wir uns selbst, unser Bewußtsein, das Universum und alle uns bekannten Dinge beschreiben. Die Intellektuellen mit diesen neuen Vorstellungen und Bildern - Naturwissenschaftler, die praktisch tätig sind und ihre eigenen Bücher schreiben - sind diejenigen, die in unserer Zeit etwas bewegen.