Sind Sie sicher, daß Sie ein Mann sind, ein richtiger Mann? In diesem Fall tanzen Sie nicht, arbeiten hart, trinken gern und haben Rückenbeschwerden. Aber seien Sie ehrlich: Zuckt es Ihnen nicht manchmal in den Hüften? Und wie finden Sie eigentlich Barbra Streisand?

Howard (Kevin Kline) ist zweifellos ein richtiger Mann. Von Beruf Highschool-Lehrer mit einem Faible für englische Lyrik, ein braver Bewohner der properen Kleinstadt Greenleaf, Radfahrer, Basketball-Spieler und seit Jahren verlobt. Seine Braut Emily (Joan Cusack) hat sich extra für ihn schlank gehungert, die Hochzeit steht vor der Tür. Aber dann gewinnt Howards ehemaliger Schüler Cameron (Matt Dillon) im fernen Hollywood einen Oscar, erinnert sich vor laufenden Kameras dankend an seinen Lehrer und erwähnt nebenbei, der sei schwul. Worauf ganz Greenleaf vor Empörung die Fassung verliert und Howard am meisten.

Regisseur Frank Oz stiftet gern Unruhe. Seine Screwball-Komödien handeln davon, wie eine Lappalie ein Chaos auslöst, das dem wirklichen Leben verdächtig ähnlich sieht. Diesmal nimmt er die menschliche Imagepflege aufs Korn. Mit jeder Pointe von "In & Out" - und es sind mehr, als Ihr Zwerchfell verkraften kann - enthebt er sämtliche Fragen nach Wesen und Erscheinung, Status und Identität, Individuum und Gesellschaft ihrer existentiellen Schwerkraft. Und hält Hollywoods normierten Rollenklischees den Zerrspiegel vor. Da gibt es die Brautmutter (Debbie Reynolds), die partout eine Hochzeit mit Tischkärtchen will, ob ihr Junge nun schwul ist oder nicht. Da gibt es die Basketball-Kids, die im Umkleideraum das komplizierte Zusammenspiel von menschlichen Körpereingängen und -ausgängen erörtern. Kein anderer Mainstream-Film der neunziger Jahre schildert so freimütig, was Sie schon immer über Sex wissen wollten.

In seinen besten Rollen, zuletzt in "Der Eissturm", spielte Kevin Kline Männer, die anders sind, als sie selbst zu sein glauben. In der schönsten Szene von "In & Out" läßt er sich vom TV-Reporter (Tom Selleck als fleischgewordenes Fernsehen) direkt auf den Mund küssen, wehrt sich und schlingt doch sein Bein um dessen Hüfte. In der allerschönsten absolviert er allein zu Haus einen Tonkassetten-Kurs für männliches Benehmen. In der letzten Lektion muß Howard der Versuchung zu tanzen widerstehen - und kapituliert mit wirbelnden Füßen und zuckenden Hüften: ein Solo auf das Vergnügen, nach der eigenen Pfeife zu tanzen.

Gewöhnlich enden Komödien mit der Duldung des Außenseiters. Der fügt sich brav, und im Gegenzug nimmt der Rest der Welt seine Besonderheit in Kauf.

Wenn sich diesmal zur Schulabschlußfeier ganz Greenleaf outet, wird der uralte Konflikt zwischen Eigenart und Anpassung ad absurdum geführt. Nein, wir sind nicht alle irgendwie gleich und schon gar nicht normal. Was uns bestenfalls eint, ist die Lust am Anderssein. Jeder seine eigene Minderheit: Die Braut futtert sich ihre Pfunde wieder an, der Hollywood-Star entdeckt die Provinz, und ganz Greenleaf zuckt's in den Hüften. Nur Howards Vater begreift nicht, was das alles mit Barbra Streisand zu tun hat. Er ist wohl ein richtiger Mann.