Man solle bloß nicht von der "Berliner Republik" reden, hatte kürzlich Professor Horst Ehmke, der sich offenbar als Kandidat für das Außenamt ins Spiel bringen will, flehentlich gewarnt. Der Grund: Dieser Terminus könne "bei unseren Partnern" Mißtrauen erwecken. Da war es wieder, das Institut "kritisches Ausland", die politische Elterninstanz der jungen Bundesrepublik, über die sich seinerzeit Timothy Garton Ash lustig machte.

Also reden wir nicht von der Berliner Republik, reden wir vom Berliner Zimmer. "Berliner Zimmer", das heißt Zimmer mit diesem Namen, gibt es inzwischen in den Bonner Ministerien. Hier können zögernde Staatsbeamte Faltblätter, Pläne, Vademecums für die schlimme Unübersichtlichkeit der Metropole erwerben. Es sind freundliche Trainingszentren für den politischen Kulturwandel, der mit dem Regierungsumzug droht. Aber sie erfahren nicht, daß es das Berliner Zimmer wirklich gibt in Berlin.

Es ist ein Produkt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, eng mit der ersten Hauptstadtepoche verbunden. Es entstand, als Berlin rasant expandierte und die Spekulation die Bodenpreise hochtrieb. In der Zeit wurden jene L-förmigen Grundrisse der bürgerlichen Wohnungen entwickelt, in deren toten Winkel, am Knick gewissermaßen, das Berliner Zimmer entstand: der riesige Durchgangsraum, die Grenze zwischen Dienstboten und Herrschaft, Ort der Diners, mit einem Eckfenster zum Hinterhof. Die bürgerliche Großfamilie zerfiel, das Berliner Zimmer begann zu wirken. Es wurde zum unausgefüllten Raum sozialer Phantasien und zum inneren Transitraum für veränderte Lebensumstände. Nach 1945 fanden sich dort Überlebensgemeinschaften der Ausgebombten, Alten und Flüchtlinge. Pensionen nutzten den Ort als Frühstücksraum, Arztpraxen als Wartezimmer. Ja, es war ein Wartezimmer der Geschichte.

Die Revolte von 68 drang weniger ins Berliner Zimmer ein, sie brach aus ihm hervor: Hier veranstalteten die Kommunen die Selbstverhöre über ihre bürgerliche Sexualität hier lockten die Basisgruppen das Volk zur "Organisationsfrage", hier bildeten die marxistisch-leninistischen Gruppen ihre "harten Kerne" für das Proletariat hier wuchs die Alternativkultur heran. Das Berliner Zimmer, ein Labor, ein Myzel der Metropole, ein Ort der Beschleunigung, Erhitzung, Verstrickung von Gedanken.

Aber ist das die Berliner Realität? Wer nur auf die ganz große Koalition des Stillstands aus Großer Koalition und Opposition starrt, sieht sie nicht. Auch die Kritiker des Stillstands stehen still. Die CDU-Politiker stammen aus Zehlendorf wie die SPD-Politiker aus dem ÖTV-Kiez. Sie haben das Berliner Zimmer nie benutzt. Aber seit der Vereinigung haben sich die innerstädtischen Transiträume, Brutstätten, politischen Laboratorien vermehrt. Die alten Milieus der Besitzstandswahrung brechen zusammen. Die Universität, die Subventionskultur, die Stadtplanung befindet sich in einem radikalen Wandel.

Das ÖTV-Berlin mit seinen riesigen Eigenbetrieben ist Vergangenheit. Wer genau hinschaut, stellt fest, daß seit geraumer Zeit nur derjenige politischen Erfolg hat, der Klartext redet, und derjenige vorankommt, der mit dem Status-quo-Milieu bricht.

Berliner Zimmer, Berliner Republik? Ach, Ehmke! Die Bonner Ängste vor dem Eintritt ins Berliner Zimmer. Der Regierungsumzug wird vieles ändern. Jetzt schon baut sich eine Spannung zwischen Stadt und Staat auf, die es in der Rheinischen Republik nie gegeben hat. Die Politik gerät nicht nur in das Säurebad einer Großstadtkultur, von der es einst hieß und jetzt wieder heißt: In Berlin gehört Dialektik zur Wohlerzogenheit. Die städtischen Ereignisse werden sich auch zum symbolischen Ort für die deutsche Wirklichkeit verwandeln.