Mal was anderes: In Kassel, im Museum Fridericianum, am Ort brisantester documentas, eine Ausstellung über Katharina II., Zarin. Einen Grund dafür gibt es recht eigentlich nicht. Kein Jubeljahr, kein Geburtstag, kein Sterbejahr bitteren Eingedenkens: Sophie Auguste Friederike, Prinzessin von Anhalt-Zerbst, die 1762 als Katharina II. in Moskau den Thron bestieg und sich die Krone selbst aufs Haupt setzte - Witwe des gemeuchelten Zaren Peter III. -, wurde 1729 geboren und starb 1796. Also kein "Aufhänger", kein "Bezug". Aber halt endlich mal wieder was zu kucken in Kassel, nach dem dürren documenta-Sommer Catherines I. Und statt Unkraut zwischen Bahngleisen echte Ölbilder satt und Ziervasen und Roben, Porzellan und Tabaksdosen, Degen und Fächer und einen richtigen Prunkschlitten gar, passend zur Jahreszeit, und süße kleine Hunde aus Marmor.

Die Wintershall AG, Kassel, eine Tochter der BASF, hat es spendiert, zusammen mit Gazprom aus Moskau, und Wintershalls Vorstandsvorsitzender Herbert Detharding gibt im geschmackvoll gestalteten Katalog gnädiglich "dem Anliegen Ausdruck, zum kulturellen Geschehen am Unternehmenssitz Kassel beizutragen und russische Kultur der deutschen Bevölkerung näherzubringen". Das ist schön, gerade auch für eine Bevölkerung, deren älteste Mitglieder männlichen Geschlechts zu einem nicht geringen Teil in den Jahren 1941 ff. zur Vernichtung besagter russischer Kultur abkommandiert waren.

Die Staatlichen Museen Kassel sind selbstverständlich auch dabei und haben alles fein organisiert ein Augenfest. Und da, wie Museumsdirektor Hans Ottomeyer seinerseits zum Geleite bemerkt, "das Herrscheramt ein öffentliches Amt" war und "keineswegs ein privates Vergnügen", findet sich neben all dem Royal-Anekdotischen und Preziosen tatsächlich auch manch Lehrreiches zur Historie des Heiligen Rußland.

Vor allem da, wo sich die Ausstellung der Organisation des riesigen Reiches widmet. Der wuchtige Schlitten, der den Besucher gleich am Eingang begrüßt, läßt schon das Hauptthema anklingen: die ungeheure äußere Dynamik, die Katharinas vierunddreißigjährige Regierungszeit kennzeichnet. Es war jene Epoche, da Rußland sich streckte und reckte und weit ausgriff in alle Himmelsrichtungen, vor allem nach Osten und Süden. Gewaltige Karten, geodätisch-graphische Meisterwerke, und foliantöse Expeditionsberichte erzählen von der Inbesitznahme der Länder jenseits des Ural. Münzen und Medaillen, Schlachtpläne und -gemälde feiern den Vorstoß nach Süden, die Eroberung der Krim und des Kaukasus. Und auch im Westen triumphiert der zaristische Imperialismus: Bei der Teilung Polens ist Katharina selbstverständlich dabei, Litauen wird dem Imperium einverleibt und Kurland, und der ewige Konkurrent Schweden aus dem Feld geschlagen.

Projekte, Projekte - hier sieht sich Katharinas Regierung in der Nachfolge Peters I. Wie er sein Sankt Petersburg dem Sumpf des Newadeltas abtrotzen ließ, gründet sie neue Städte und Stützpunkte im Osten und Süden (Sewastopol) und versucht, tollkühner fast noch als ihr Vorgänger zu Beginn des Jahrhunderts, ein neues Moskau zu bauen. Aus dem mittelalterlichen Ameisenhügel will Katharina eine moderne Metropole machen, ein neuer Kreml wird begonnen, breite Straßen sind projektiert, weite Plätze, endlose Fassaden mit reichlich Säulen. Nicht nur eine moderne Hauptstadt - ein ganz neuer Staat schwebt ihr vor jahrelang murkelt sie an einer "Instruktion Ihrer Majestät der Zarin Katharina der Zweiten, der Alleinherrscherin von ganz Rußland, gegeben der Kommission zur Erarbeitung einer neuen Gesetzgebung", 655 Artikel voller guter Absichten.

Katharina Minerva, so versteht sie sich, halb noch barocke Fürstmäzenin, halb schon Aufklärungsmacherin, Managerin der Modernisierung. Sie schreibt Komödien und Traktate, korrespondiert mit den Philosophen in Paris, kauft Voltaires Bibliothek, subventioniert auf indirekte Weise die Enzyklopädie, lockt am Ende gar Diderot, der Frankreich nie zuvor verlassen hatte, nach Sankt Petersburg. Sein berühmtester Dialog, "Rameaus Neffe", gelangt später über einen deutschen Offizier in russischen Diensten - niemand anderes als der Sturmund-Drang-Poet Friedrich Maximilian Klinger - in die Hände Schillers, der wiederum Goethe bewegt, das Werk zu übersetzen. Und so kehrt es 1821 in die französische Literatur zurück: Diderot, aus dem Deutschen von de Saur und Saint-Geniès. Aber das nur nebenbei.

Bezeichnend für den Geist der Epoche ist Katharinas Projekt eines Waisenhauses in Moskau. Die Ausstellung zeigt Planskizzen des monumentalen Ensembles: halb Palast, halb Kaserne - Pflanzstätte des neuen Menschen. Wie überall in Europa, wo sich der Absolutismus aufgeklärt gibt, um im Zeitalter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu überleben, wo von oben reformiert und per Dekret toleriert wird, kann sich keine Zivilgesellschaft entfalten. Rußlands Adel behält seine märchenhaften Privilegien. Die Bauern bleiben Besitz ihrer Herren. Der Aufstand des Kosaken-Spartakus Pugatschow wird niedergeschlagen (1773/74, just als Diderot am Hof der Zarin weilt), Polen blutig unterdrückt. Das große Reformwerk scheitert, der äußeren Dynamik entspricht innenpolitisch eine zunehmende Paralyse. Und Europas Karikaturisten, vor allem die in England, dem Weltmachtkonkurrenten, zeichnen, nicht ohne sportsmännischen Respekt, die skrupellose Domina, das blutige Käthchen.