Wahn- und widersinnig sind Wörter, die nicht gerade zum alltäglichen Vokabular von Wissenschaftlern gehören. Dennoch benutzt der Bochumer Innovationsforscher Erich Staudt genau diese Begriffe, um eine Errungenschaft der deutschen Umweltpolitik zu geißeln: "Ökologisch widersinnig und ökonomisch wahnsinnig", so nennt er die Verpackungsverordnung samt dem grünen Punkt, für den die Verbraucher jährlich vier Milliarden Mark zahlen - nicht eingerechnet jene mehr als zwei Milliarden Mark, die Staudt für den Sammel- und Sortieraufwand der Privathaushalte veranschlagt.

Derlei Kritik sind die Manager der Duales System Deutschland AG (DSD) gewohnt. Nun aber ist jemand angetreten, dem "weltweit kompliziertesten Müllsystem" (Financial Times) den Garaus zu machen: Karl Ihmels, Landrat des Lahn-Dill-Kreises in Wetzlar, will die Kosten der Abfallbeseitigung halbieren und gleichzeitig für mehr Umweltschutz sorgen. "Wir werden die bundesdeutsche Abfallwirtschaft revolutionär umgestalten", verkündet der promovierte Jurist - und hat damit erbitterten Streit mit den Grüne-Punkt-Verwaltern vom Zaun gebrochen. Die haben den aufmüpfigen Landrat bereits verklagt, auf sein "angeblich neuartiges Müllkonzept" gefälligst zu verzichten.

Die Nervosität des Müllmonopolisten kommt nicht von ungefähr. Denn Ihmels, 56, will wieder abschaffen, was die Kölner DSD-Zentrale dem Volk vor fünf Jahren bescherte: den gelben Sack. Darin sammelt der ökologisch korrekte Deutsche jährlich durchschnittlich 22,3 Kilogramm sogenannter Leichtverpackungen - Blechdosen, Milchkartons oder Joghurtbecher, in der Terminologie des neuen Abfallrechts keineswegs einfach Müll, sondern "Abfall zur Verwertung". Allerdings setzt dieses Recycling die Trennung und Sortierung der Ingredienzien des gelben Sackes voraus und das verursacht ausgerechnet bei der eigentlichen Neuerung des Dualen Systems, der Erfassung von zuletzt rund 535 000 Tonnen Kunststoff, immense Kosten. Pro Tonne Plaste veranschlagt das DSD für Sammlung, Sortierung, Aufbereitung und Verwertung 3000 Mark - mit fragwürdigem ökologischem Nutzen: Teuer eingesammelte Joghurtbecher zu Parkbänken und Blumenkübeln umzuschmelzen, als Reduktionsmittel in Hochöfen zu stecken oder in Öl zurückzuverwandeln, empfinden selbst manche Umweltschützer nicht gerade als Beglückung. "Wir können uns nicht leisten, soviel Geld aus dem Fenster zu werfen", wetterte schon vor zwei Jahren der damalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt.

Umweltschützer warnen vor Öko-Dumping

Das meint auch Ihmels. Deshalb will der SPD-Politiker den 260 000 Einwohnern des Lahn-Dill-Kreises von April an den gelben Sack ersparen. Sie sollen ihre Verpackungen dann, wie früher, in die graue Restmülltonne werfen. Das Müllgemisch soll in einer bereits fertiggestellten, 50 Millionen Mark teuren Anlage in Aßlar getrocknet und zu Ballen gepreßt werden. Metalle, Glas und Steine werden vorher abgeschieden und dienen als Rohstoffe für die Stahlindustrie oder die Baubranche. Was übrigbleibt, sogenanntes Trockenstabilat, hat einen der Braunkohle vergleichbaren Heizwert. Diese Müllpellets will Ihmels beispielsweise energieintensiven Zementwerken verkaufen.

Ihmels, nach eigenem Urteil nicht gerade unbescheiden, glaubt so nicht nur die Kosten der Müllbeseitigung halbieren zu können zusätzlich soll auch die Umwelt profitieren. Bundesweit nachgeahmt, würde die Umwandlung von Müll zu Brennstoff beispielsweise den Braunkohletagebau Garzweiler II überflüssig machen und zusätzlich dem Klimaschutz dienen. Schließlich mache die Müllverwertung zwecks Energiegewinnung die Verbrennung von Kohle, Öl oder Gas überflüssig.

Dennoch warnt die Bonner Umweltministerin Angela Merkel: Eine umweltgerechte Entsorgung dürfe nicht günstigeren Preisen geopfert werden. Tatsächlich ist die Öko-Bilanz von Ihmels Müllrevolution umstritten. Das Öko-Institut bescheinigte seinem Trockenstabilatverfahren jedenfalls erhebliche ökologische Risiken: In Zementöfen verbrannt, verursachten die Pellets astronomisch hohe Emissionen krebserregender Stoffe. Das Umweltbundesamt will sich mangels wichtiger Daten noch nicht abschließend äußern.