Orange war das Kissen. Und aus richtigem Samt. Die Farbe der Siebziger. Die Farbe auch, unauslöschlich, für Schuberts "Winterreise", in der doch alles finster sein sollte, kalt und wild. Mein orangerotes Mittagsschlafkissen. Und aus dem Nebenzimmer leise "Fremd bin ich eingezogen": Fischer-Dieskau mit Hertha Klust, Berlin 1953. Solche Augenblicke prägen.

Der Tenor Christoph Prégardien und der Bariton Matthias Goerne mögen ähnliche Seligkeiten erfahren haben - in den frühen Siebzigern, als wir alle noch Kinder waren. Heute jedenfalls singen sie selber die "Winterreise". Die trauen sich was: gleich die Ewigkeit ins Visier zu nehmen. Es wäre nicht das erste Mal, daß juveniles Ungestüm und keckes Wagen im Liedgesang belohnt würden. Dafür aber will keine der beiden Neueinspielungen einstehen.

Christoph Prégardien und Andreas Staier (Teldec 0630-18824) huldigen einer fabulösen Notentexttreue. Da findet jedes kleine, gemeinhin vernachlässigte Vortragszeichen die ihm gebührende rhetorische Beachtung: Als müßte eine neue musikalische Sprachregelung getroffen werden. Und so entschlüpfen die Interpreten erst Lied für Lied, im zyklischen Vollzug, ihrem züchtig geschnürten Korsett, lernt der Hörer erst beim wiederholten Auflegen der CD ihre Vorzüge schätzen - was kein Makel ist. Wie Prégardien sich vom "Irrlicht" schwindlig und von der "Krähe" todessüchtig machen läßt und oft nur mehr mit halber, schwereloser Stimme spricht ("Erstarrung") oder wie sorgsam Staier auf seinem Fortepiano von 1825 mit arpeggierten Akkorden umgeht, wie er die Postkutsche zu Beginn der Zweiten Abteilung (Nr.13) von springlebendigen Karussellpferdchen ziehen läßt - das erhellt, weil es mehr weiß, als es verrät, und den Hörer zum Kronzeugen kürt.

Ganz anders Matthias Goerne und Graham Johnson (Hyperion CDJ 330 30): Der dreißigjährige Shooting-Star des lyrischen Baritonfachs und der erfahrene Mentor der legendären britischen "Hyperion Schubert Edition" bilden ein ungleiches Paar. Prompt gerät Goerne unter Druck. Seine Stimme wirkt, als wohnte sie direkt hinterm Rachenzäpfchen. Nur im Piano ("Frühlingstraum") weicht sein untergründig gutturales Gurgeln dem schlicht-schönen Liedertimbre, das auf der Opernbühne soviel verhieß. Dann stören sogar die zahlreich verschluckten R nicht weiter. Eine Enttäuschung? Keineswegs. Eher eine Aufforderung zur Geduld. Denn Schuberts Weg in die entgegengesetzte Richtung, in einen Frieden durch Verstörung, ist nun einmal lang. Und todsicher nicht mehr von sanften Ruhekissen gesäumt. Schon gar nicht von orangefarbenen.