Als 1969 die Feierlichkeiten zum zwanzigjährigen Gründungsjubiläum der Nato anstanden, bat der Generalsekretär des Bündnisses auch die Regierung in Bonn, den Jahrestag mit einer angemessenen militärischen Demonstration zu begehen. Das Kabinett der Großen Koalition reagierte auf die Bitte wenig begeistert. Man fürchtete Ausschreitungen und Polizeieinsätze zum Schutz der Bundeswehr. "Aus der Peinlichkeit", so berichtet der SPD-Politiker Carlo Schmid in seinen Erinnerungen, "rettete sich das Kabinett durch Annahme des Vorschlages, die gewünschte Parade auf dem Nürburgring abzuhalten" - sozusagen unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Die Forderung der Union, daß die Bundeswehr ihre gesellschaftliche Verankerung durch regelmäßige militärische Zeremonien "auf den Marktplätzen" zu demonstrieren habe, fand seinerzeit wenig Anhänger. Und sie ist ja auch heute nur der unschuldig klingende Teil eines recht trickreichen Kalküls. Die öffentliche Kritik, die die Große Koalition seinerzeit so gewitzt verhinderte, ist mittlerweile fester Bestandteil der Inszenierung.

Ohne die provokative Wirkung öffentlicher Rekrutengelöbnisse hätte Verteidigungsminister Volker Rühe sicher längst den Geschmack an derlei Schaustellungen verloren. So aber gewinnen die Veranstaltungen gerade durch die Ablehnung ihren politischen Wert.

Zwölfmal, so berichtet der Spiegel, wolle Volker Rühe im Wahljahr bei öffentlichen Gelöbnissen auftreten. Die Hardthöhe dementiert halb. Aber der Termin am 13. August in Berlin, der steht fest. Daran hat sich der aktuelle Streit entzündet.

Das Kalkül funktioniert also noch. Auch dem Verteidigungsminister ist ja nicht entgangen, daß die von ihm propagierte Normalität im Verhältnis zwischen Bundeswehr und Gesellschaft langsam Wirklichkeit wird. Seit Jahren erfreuen sich die alljährlichen Ostermärsche nur noch mäßiger Beteiligung, die neuen Aufgaben der Bundeswehr hingegen sind politisch kaum mehr umstritten. Auch der Versuch des Verteidigungsministers, die Kritiker rechtsradikaler Tendenzen zu prinzipiellen Gegnern der Bundeswehr aufzubauen, hat nicht recht verfangen. Und selbst die Erregung über militärische Rituale in der Öffentlichkeit ist rückläufig.

Abhilfe, also Polarisierung versprach sich Rühe - zu Recht, wie die Debatte zeigt - vom Termin: Am Jahrestag des Mauerbaus, im ehemaligen Ostteil Berlins. Das finden selbst bundeswehrfreundliche Politiker verquer, unsinnig und auftrumpfend. Da will auch die SPD, die sonst kaum eine Gelegenheit ausläßt, Bundeswehrtreue zu dokumentieren, nicht zustimmen. Sie ahnt die Provokation und läßt sich provozieren. Damit nicht genug: Hamburgs Erster Bürgermeister Ortwin Runde macht sich gar die abstruse Idee von Ignaz Bubis zu eigen, öffentliche Gelöbnisse der Bundeswehr auf ehemaligem KZ-Gelände abzuhalten. Auch der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst Bernhard Gertz, der nicht zu den notorischen Kritikern Rühes zählt, erhebt Einspruch.

In der Truppe gebe es die Befürchtung, die Soldaten sollten zu Wahlkampfzwecken mißbraucht werden. Auf dem Rücken junger Soldaten solle kein parteitaktischer Streit ausgetragen werden.