Elektrisch geladene Teilchen von der Sonne rasen in dichten Schauern auf die Erde zu. Vor ihnen schützt uns ein unsichtbarer Schirm, der tief aus dem Innern des Planeten heraus aufgespannt ist: Das Magnetfeld leitet die meisten um die Erde herum. Aber wie lange noch?

Die Kraft des irdischen Magneten läßt nach, und damit wird auch der Schutzschild im All geschwächt. Seit dem Beginn der Messungen vor rund 150 Jahren hat das Dipolmoment, die Stärke des Magnetfeldes mit seinem Nord- und Südpol, ständig abgenommen und das Quadrupolmoment, eine schwächere Komponente mit vier Polen, zugenommen. "Wenn das so weitergeht", sagt Volker Haak vom Geoforschungszentrum Potsdam, "wird es in nur 800 Jahren mehr als einen Nord- und Südpol geben. In weiteren Jahrhunderten wird das Magnetfeld fast verschwinden."

Die Folgen wären gravierend. Die Teilchenströme von der Sonne könnten bis zur Erdoberfläche vordringen. Bei starken Sonnenausbrüchen stören sie heute schon die globale Kommunikation, legen den Funkverkehr lahm, setzen Radaranlagen oder das Satellitennavigationssystem GPS außer Gefecht. Stromnetze brechen zusammen. Solche Zwischenfälle würden sich dramatisch häufen. Biologen rechnen bei einem Schwinden des Magnetfeldes mit einer Zunahme von Mutationen. Zudem wären Vögel, Seeschildkröten oder Wale, die sich nach dem Magnetfeld orientieren, in Nöten.

Daß die Kompaßnadeln ohne klaren Nord- und Südpol verrückt spielen, könnten Kapitäne und Piloten verschmerzen, solange die moderne, satellitenabhängige Technik zur Navigation funktioniert. Bei magnetischen Stürmen durch Ausbrüche auf der Sonne aber fällt sie leicht mal aus. Unsere Zivilisation, erläutert Haak die praktische Bedeutung seiner Arbeit, sei inzwischen fast völlig auf das fehlerfreie Funktionieren zahlloser Satelliten angewiesen, die ihre Bahnen in der Magnetosphäre ziehen. Die Satelliten übertragen Daten, Telephongespräche und Fernsehprogramme. Sie liefern die Grundlagen zur Wettervorhersage, zu hochpräziser Ortsbestimmung und Navigation und beobachten die Erde unter vielerlei anderen Aspekten.

Alle diese Systeme wie auch der Spaceshuttle, bemannte Weltraumstationen und Forschungssatelliten können in der schnell veränderlichen Magnetosphäre mannigfachen störenden Einflüssen unterliegen. Sie können sich elektrisch aufladen, ungewöhnlich hoher UV-Strahlung ausgesetzt sein, durch Aufheizen der Atmosphäre an Höhe verlieren, Ausfälle der Navigationssysteme und der Nachrichtenübertragung erleiden. Haak: "Wir müssen wissen, was in der Magnetosphäre los ist. Dazu brauchen wir erdmagnetische Observatorien."

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Zu Haaks Abteilung gehört das geomagnetische Observatorium in Niemegk, 45 Kilometer südwestlich von Potsdam, das auf eine über hundertjährige Tradition zurückblickt. Nach frühen Messungen an der Sternwarte in Berlin wurde es 1890 in Potsdam gegründet und später, immer auf der Flucht vor störenden elektrischen Bahnen, zweimal weiter hinaus aufs Land verlegt. 1930 kam es nach Niemegk.