Wozu sind eigentlich Wirtschaftswissenschaftler gut? Der amerikanische Nobelpreisträger John Kenneth Galbraith machte es sich mit seiner Antwort einst vergleichsweise einfach. Er sah die "moralische Rechtfertigung von Ökonomen" darin begründet, daß sie "die Welt verbessern können".

Wenn doch die Antwort noch so einfach wäre. Die Frage ist nämlich aktueller denn je - und zwar deshalb, weil das öffentliche Geld knapp geworden ist und die Ökonomengehälter meist aus Steuern bezahlt werden. Wozu also sind Wirtschaftswissenschaftler gut? Da die Antwort eben nicht so einfach zu finden ist, haben die Regierenden eine Kommission auf die Suche geschickt, den Wissenschaftsrat.

Das Gremium lenkte sein Augenmerk zunächst auf eine besondere Spezies von Ökonomen, auf die Wirtschaftsforscher, die in Instituten über Konjunkturprognosen und Branchenanalysen, Arbeitsmarktuntersuchungen und Weltwirtschaftsdaten brüten. Zwei Jahre dauerten die Nachforschungen der Prüfer, was die fünf wichtigsten staatlich alimentierten Forschungsinstitute und ihre Mitarbeiter wert sind. Sie haben sie, vereinfacht gesagt, für mittelmäßig befunden. Und das - mit Einschränkungen - zu Recht.

Längst nicht alles, was die Institute leisten, braucht die Gesellschaft, und manches, was sie brauchte, leisten sie nicht. Forschungsergebnisse, die niemanden interessieren, Scheu vor Publikationen in internationalen Zeitschriften, zu alte Mitarbeiterstäbe - die Liste der Versäumnisse ist lang. Zwei der fünf Forschungsstätten soll daher künftig das staatliche Geld gekürzt werden (ifo und HWWA), zwei müssen reformiert werden (DIW und RWI), und nur eines (IfW) wird uneingeschränkt gelobt. Dieses Institut leiste sowohl in der Forschung als auch bei der Beratung gute Arbeit. So umstritten die Prüfungskriterien nach wie vor sind, eines zumindest haben die Prüfer geschafft: Sie haben durch ihr Unterfangen endlich kreative Unruhe in den verschlafenen Forschungsbetrieb gebracht.

Leider hat die Expertise jedoch einen Schönheitsfehler: Die Prüfer sitzen selbst im Glashaus. Viele der zugrunde gelegten Kriterien erfüllt nämlich auch der Hochschulbetrieb nicht. Die Prüfer des Wissenschaftsrates legten beispielsweise starken Wert auf die glanzvollen wissenschaftlichen Leistungen eines Institutes. Das ist ein wichtiges Kriterium, aber eben eines, das auch viele ihrer Kollegen kaum erfüllen. Wie steht es denn um das internationale Renommee der wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulforschung? Welcher Deutsche hat neben dem Spieltheoretiker Reinhard Selten einen Nobelpreis gewonnen? Oder, um nicht gleich zu den Sternen zu greifen, wie viele Hochschullehrer veröffentlichen regelmäßig in zitierfähigen Fachzeitschriften? Die Konstanzer Ökonomen Rolf Bommer und Heinrich Ursprung haben in 57 Universitäten nachgerechnet. In der Hälfte schaffte es ein Durchschnittsprofessor mit seinen Mitarbeitern nicht, binnen sechs Jahren mehr als zwei zehnseitige Aufsätze in international angesehenen Journalen unterzubringen.

Die Liste ist beliebig verlängerbar. Wie steht es um die Flexibilität der deutschen Hochschullehrer? Schon der Volkswirt Joseph Schumpeter monierte, daß Ökonomen die Kenntnisse aus erster Hand fehlten. Für viele gilt das heute noch. In den Vereinigten Staaten rotiert bei einem Regierungswechsel regelmäßig eine ganze Wissenschaftlerriege in die Politik. Hochschullehrer arbeiten als Weltbank-Chefökonomen (Joseph Stiglitz), als Finanzstaatssekretär (Larry Summers) oder als IWF-Vize (Stanley Fischer). In Deutschland hingegen ist es eine Ausnahme, wenn der Geschäftsführer des Kieler Institutes für Weltwirtschaft, Klaus-Werner Schatz, ins Wirtschaftsministerium wechselt. Das starre Beamtenrecht verhindert, daß solche Seitenwechsel häufiger stattfinden. Dabei wäre in mancher Behörde mehr ökonomischer Sachverstand nicht fehl am Platz - wie umgekehrt in mancher Forscherstube intimere Kenntnisse des politischen Geschehens für mehr Realitätsnähe sorgen könnten. Wo sich Kulturen nicht mischen, werden sie sich fremd.

Selbstverständlich ist nicht alles besser in den USA und in Deutschland nicht alles schlecht. Es gibt herausragende Lehrstuhlinhaber wie den Finanzwissenschaftler Hans-Werner Sinn oder den Wirtschaftstheoretiker Manfred Neumann, die exzellenten Nachwuchs ausbilden. Junge Stars wie der Währungsspezialist Jürgen von Hagen lassen auf die Zukunft hoffen. Doch solange der deutsche Wissenschaftsbetrieb so undurchlässig ist wie bislang, solange Leistung nicht stärker honoriert wird, wird sich erstens an der Lage der Forschung wenig ändern. Und zweitens, noch viel bedauerlicher: Die Barriere zwischen Politikern und Forschern wird nicht schwinden. Die aber ist eins der größten Probleme der deutschen Ökonomie. Die einen bleiben im Elfenbeinturm, die anderen unberührt von ökonomischer Einsicht.