Als Konrad Lang zurückkam, stand alles in Flammen, außer dem Holz im Kamin." Für den ersten Satz eines deutschsprachigen Erstlings ist das schon mal nicht schlecht. Und ziemlich gewieft wirkt, wie Martin Suter nach diesem Satz das Feuer vergißt und eine Weile von Konrad Lang erzählt, dem mittelmäßigen Helden seines seltsamen Krimis, der nur bedingt einer ist aber auch kein faktenseliger "Alzheimer-Roman" zum Mitfühlen und Mehrwissen.

Konrad Lang, über sechzig Jahre alt, ist das ungeliebte Anhängsel der schwerreichen Schweizer Industriellenfamilie Koch. Er hat gerade die Familienferienvilla auf Korfu in Brand gesteckt, die er im feuchten Winter bewachen muß: "Es war eines jener Mißgeschicke, die einem passieren, wenn man in Gedanken ist." Konrad hat statt des Haufens im Kamin den daneben angezündet. Die Villa war vollgestopft mit Antiquitäten, und "das Zeug brannte wie Zunder".

Suters Roman wäre bald zu Ende, wenn jetzt stünde, Konrad hat die Holzhaufen verwechselt, weil er Alzheimer hat. 112 Seiten dauert es, bis das Wort zum erstenmal fällt, und auch dann erklärt es noch nichts. Wichtiger ist: Elvira Senn hat Angst vor der Vergangenheit. Was ist schon eine Villa auf Korfu, wozu sind denn Versicherungen da? Aber als Elvira erfährt, daß der immer vergeßlicher werdende Lang sich plötzlich an Bilder der Kindheit erinnert, erhöht sie sein "Taschengeld" auf achttausend Franken pro Monat. Auf daß sich der Koni zu Tode saufe.

Elvira weist einige Ähnlichkeiten mit Dürrenmatts alter Dame auf. Nur daß sie es ist, die Besuch aus der Vergangenheit hat. Konrad Lang ist ein heruntergekommener älterer Mann. Launisch, melancholisch, stolz, doch aus Gewohnheit kriecherisch gegenüber seinen Gönnern, hat er das Glück, eine etwas jüngere Witwe kennenzulernen. Die findet Socken im Backofen, Kondome im Kühlschrank, was soll das? Da entdeckt Rosemarie eine Skizze. Sie erinnert Konrad daran, wo der Bäcker ist, der Kiosk, die eigene Wohnung. Auf der Rückseite des Zettels eine Liste mit Namen: "Zuunterst, dick unterstrichen, stand: ,Sie: Rosemarie!'".

Der 49jährige Martin Suter hat keine Dichterbiographie. Schillernderweise hat er in der Werbebranche Geld gemacht, schreibt jetzt für die Weltwoche eine Kolumne. Angelsächsisch kann man sein Erzählen nennen, weil Suter keine Angst hat vor Genres, ohne daß sein Buch zu nett gedrechseltem Handwerk verkäme.

"Small World" ist nicht nur das Kürzel für das Leben des Kranken. Es beschreibt auch den engen Kreis der Welt des Romanbürgertums. Das ganze Buch kann man lesen als Chiffre für ein Land, das seine Vergangenheit gerne vergißt.

Die größte Stärke dieses nicht bahnbrechenden, aber interessanten Romans ist seine Dramaturgie. In immer rascheren Schüben zerfällt und verändert sich Konrads Gedächtnis, der die Umgebung der Gegenwart immer umstandsloser in seine Vergangenheit integriert. Immer näher rücken ihm die Mordversuche der Elvira Senn. Aber warum hat Elvira überhaupt Angst vor der Vergangenheit? Das Finale ist spannend wie Hitchcock, das ending, trotz Toter, etwas happy.