Den Teller leer essen, das Buch fertiglesen, einen Schulabschluß machen: "Was man angefangen hat, muß man auch zu Ende führen", hieß die goldene Regel, die für Beständigkeit und Charakterfestigkeit sorgen sollte. Doch die Studenten pfeifen auf den moralischen Appell von einst. Etwa zwanzig bis dreißig Prozent aller 1,8 Millionen Studenten in Deutschland denken nicht daran, zu Ende zu führen, was rigorose Prüfungsordnungen, überforderte Universitäten und eine effizienzbesessene Gesellschaft von ihnen verlangen. Sie ziehen ihr Studium nicht zügig durch, sondern hören einfach irgendwann damit auf.

Zwar hat es sich herumgesprochen und ist auch wissenschaftlich belegt, daß die Abbrecher keineswegs zu den Verlierern im Kampf um Arbeitsplätze gehören. Wenn ihnen dennoch das Image von Versagern anhaftet, dann deshalb, weil sie von den Bildungspolitikern trefflich mißbraucht werden: Je nachdem, ob der Schwarze Peter der Schule oder der Hochschule zugeschoben werden soll, werden die Abbrecher für die "mangelnde Studierfähigkeit" der Abiturienten ins Feld geführt oder für die "Unstudierbarkeit" vieler Fächer. Dabei wird mit dem veralteten, aber nach wie vor bestimmenden Bild des Durchschnittsstudis der sechziger Jahre operiert: dem finanziell abgesicherten, männlichen Vollzeitstudenten mit klaren Berufsvorstellungen und guten Berufschancen.

Den typischen Studenten der neunziger Jahre gibt es nicht

Daß es mit dem Studienabbruch meist eine ganz andere Bewandtnis hat, belegt nun eine vielleicht nicht repräsentative, aber intelligente Studie vom Bayerischen Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung. Sie untersucht das Phänomen des Studienabbruchs am Bildungsschicksal einiger Studenten und zeigt, daß für Studenten von heute ein anderes Motto als der Slogan vom Durchhalten angesagt ist: "Probieren geht über studieren".

Das Studium ist nicht länger Lebensmittelpunkt. Der für Studienanfänger bedeutendste Lebensbereich ist die Familie; dann kommen Gesundheit, Freunde, Partnerschaft. Darauf folgen der Wunsch nach einem interessanten Beruf, die Möglichkeit, das gewünschte Fach zu studieren, ein erfolgreicher Abschluß und die Chance, überhaupt studieren zu können. Kultur, Politik, hohes Einkommen stehen am Ende.

Die Lebenswelten von Studenten sind so individuell, daß die Soziologen nicht mehr hinterherkommen, sollten sie den "typischen Studenten der Neunziger" beschreiben. Die Studenten von heute - meinen die bayerischen Forscher haben sich schon von Kind auf daran gewöhnt, mit einem reichen Angebot an Aktivitäten umzugehen. Sie wurden allenthalben konfrontiert mit sich wandelnden Lebensumständen - in der Familie, in der Schule, in den Chancen für die Zukunft. Kurz: Sie haben früh gelernt, zu reagieren und ihren Alltag, ihre Interessen und Aktivitäten selbst zu organisieren. Heute ist vieles möglich: Selbstverwirklichung und Karriere, Ausstieg und Berufsbeamtentum, akademischer Lorbeer - und Studienabbruch.

Ausgerechnet die oftmals belächelten Geisteswissenschaftler scheinen souverän mit dem Chaos der Uni umgehen zu können. Ihre einst sichere Perspektive - der Lehrerberuf - ist dahin. So stehen sie auf dem ersten Platz der Sündenstatistik: Hier häufen sich die Langzeitstudenten und die Studienabbrecher. Die einen führen als akademische Karteileiche ein mitunter fideles Doppelleben; die anderen brechen ihr Studium bei der ersten sich bietenden Berufschance ab. Weshalb übrigens so viele Studienabbrecher sehr viel schneller in einem Beruf landen als vorschriftsmäßige Absolventen, die den nächsten Einstellungstermin für das Referendariat abwarten müssen.