Deutschlands Banker sind in diesen Tagen noch zugeknöpfter als gewöhnlich. Während die einen selbst in vertraulicher Runde mit Journalisten schweigen, hetzen die anderen unerreichbar um den Globus. Asiens Finanz- und Wirtschaftskrise hält die feinen Herren aus Frankfurt auf Trab. Beispielsweise Josef Ackermann. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank eilte Anfang der Woche nach New York, wo die Gläubiger über Südkoreas Auslandsschulden stritten - immerhin 140 Milliarden Dollar.

Kein deutsches Institut ist in der einstigen Boomregion so stark vertreten wie der hiesige Branchenführer. Mit 33 Milliarden Mark oder immerhin sieben Prozent seines gesamten Kreditvolumens, so schätzen Experten von Schröder Münchmeyer Hengst Research (SMH), ist das bundesrepublikanische Geldhaus in Südostasien engagiert. Milliardenkredite haben auch die Konkurrenten vergeben. Nun, da die einst hochgelobten Tigerstaaten am Rande der Zahlungsunfähigkeit balancieren, müssen die Kreditinstitute mit erheblichen Ausfällen rechnen. Im schlimmsten Fall - wenn sie tatsächlich zehn Prozent ihrer Asienkredite abschreiben sollten - erwartet SMH-Fachmann Stephan Kalb, daß der prognostizierte Gewinn der Deutschen Bank in diesem Jahr um satte sechzig Prozent einbricht (siehe Graphik). Auch wenn es nicht ganz so arg kommen muß: Sicher ist, daß die Aktionäre nicht ganz ungeschoren bleiben. Die spannende Frage aber ist, in welchem Umfang die Steuerzahler für die Verluste geradestehen müssen.

Bundesregierung und Bundesbank wollen die von Rekordprofiten verwöhnten Banken jedenfalls in die Pflicht nehmen. Finanz-Staatssekretär Jürgen Stark und Bundesbank-Direktoriumsmitglied Helmut Schieber machten bei zahlreichen Gesprächen deutlich, daß Politiker und Währungsmanager - anders als bei der südamerikanischen Schuldenkrise vor einigen Jahren - die Verluste diesmal nicht den leeren Staatskassen zumuten wollen. "Eine faire Lastenverteilung" mahnt auch Sparkassenpräsident Horst Köhler an, der im Auftrag des Kanzlers nach Indonesien gereist war; trotz großzügiger Hilfe droht das wirtschaftliche und politische System im viertgrößten Land der Welt zu kollabieren.

Die Banken in die Verantwortung zu nehmen klingt durchaus berechtigt. Schließlich haben die Geldhäuser am Aufschwung der einstigen Tigerstaaten prächtig verdient. Jetzt aber, wo es dramatisch abwärts geht, würden sie sich am liebsten aus der Verantwortung stehlen und das Feld der Politik überlassen. Im Auftrag der westlichen Regierungen pumpt der Internationale Währungsfonds (IWF) zweistellige Milliardenbeträge in die marode Region, um die Lage zu stabilisieren - sehr zum Ärger vor allem amerikanischer Politiker. Die kritisieren, das Geld der Industrienationen nutze auch denen, die das Desaster mitzuverantworten hätten: den Banken. "Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert", moniert ein republikanischer Senator. Der Vorsitzende des Bankenausschusses, Alfonse D'Amato, schimpft über "Mittel für einige sehr undisziplinierte Investoren".

Richtig erkannt, nur, in der Praxis werden die markigen, zur Beruhigung der Steuerzahler ersonnenen Politikersprüche kaum Wirkung zeigen. Beispiel Südkorea: Die dortigen Banken standen vor der Pleite. Die Investitionen des Westens drohten wertlos zu werden. Seither verhandelt die Regierung in Seoul mit den ausländischen Gläubigern. Wahrscheinlich läuft es auf folgenden Deal hinaus: Die internationalen Banken werden ihre fälligen Kredite verlängern, im Gegenzug garantiert die südkoreanische Regierung den Schuldendienst. Kein schlechtes Geschäft für die Gläubiger: Ein Staat geht nicht pleite.

Das Dilemma der globalen Ökonomie ist offenbar: Unabhängig davon, ob Banken oder Regierungen Fehler machen - solange es nur wirklich große Fehler sind, werden sie Hilfe von außen bekommen. Die reine Lehre - Bankrotteure müssen aus dem Markt ausscheiden - funktioniert in der Praxis nur bedingt. Spätestens wenn ein zahlungsunfähiger Staat die Weltwirtschaft gefährdet und ein Domino-Effekt droht, wird die Staatengemeinschaft den Sündern helfen schon aus Eigeninteresse. Die Finanziers der Gestrauchelten kommen mit einem blauen Auge davon.

Vor diesem Hintergrund sind internationale Hilfspakete eine zwiespältige Sache. Das räumt selbst US-Finanzminister Robert Rubin ein, der die jüngsten Rettungsprogramme maßgeblich eingefädelt hat. Manche Kreditgeber würden davor geschützt, "die vollen Konsequenzen ihrer Entscheidung zu tragen". Rubin muß es wissen. Er arbeitete 26 Jahre lang an der Wall Street.