Michael Lang liest die ZEIT, die Frankfurter Rundschau und technische Fachliteratur. Er führt einen regen Briefwechsel mit Menschen in aller Welt und das alles, obwohl der 32jährige von Geburt an blind ist. Seit er mit dem Internet verbunden ist, kommt die Welt in seine Hamburger Wohnung. "Mein Leben ist lebendiger geworden", sagt Michael Lang. "Nun habe ich Zugang zu Dingen, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte."

Vor dem Eintritt in das Computerzeitalter konnten Blinde nur wenige Zeitungen und Bücher für Sehbehinderte lesen: teure Spezialpublikationen, die sich über Spenden und Zuschüsse finanzieren. Außer Gesprächen mit Sehenden war das Radio für Blinde daher oft die einzige Informationsquelle.

Es mag paradox klingen, aber das mit graphischen Gimmicks und bunten Effekten aufgemotzte Internet bietet gerade den Menschen eine Chance zur Verständigung, die nicht oder nur schlecht sehen. Ungefähr 150 Blinde und 2000 Sehbehinderte in Deutschland nutzen bereits das Medium, das sie aus der visuellen Abgeschiedenheit in die Mitte des Informationszeitalters katapultieren kann - wenn ihre Behinderung von den Machern berücksichtigt wird.

Die Pixelwelt eines Computermonitors läßt sich auf mehreren Wegen auch blinden und sehbehinderten Menschen zugänglich machen. Wer wenigstens über eine rudimentäre Sehkraft verfügt, kann mittels eines speziellen Vergrößerungsbildschirms Buchstaben nahe genug heranholen, um den Text mit den Augen zu entziffern. Vollständig erblindete Internetbenutzer arbeiten mit sogenannten Braillezeilen, die man an den Rechner anschließen kann. Sie übersetzen auf einer meist achtzig Zeichen umfassenden Leiste normale Buchstaben in die Reliefpunkte der Blindenschrift. Der geschulte Benutzer ertastet mit den Fingern den Text einer Internet-Seite. Eine andere Möglichkeit ist die Umsetzung von geschriebenem Text in Lautsprache. Sprachausgabesysteme klingen zwar meist wie blecherne Roboterstimmen, können aber den Text verständlich wiedergeben

Ohne Bilder sind viele Web-Seiten völlig unverständlich

Trotz dieser technischen Errungenschaften macht die Web-Welt Blinden und Sehbehinderten jedoch zunehmend Schwierigkeiten. Da ist zunächst die technische Barriere: Viele verzweifeln schon an der komplizierten Hard- und Software, weil sie die Gebrauchsanleitungen nicht lesen können und daher auf Schulungen angewiesen sind. Doch solcher Unterricht kommt teuer, wenn ihn nicht der Arbeitgeber übernimmt.

Das größere Problem ist jedoch die zunehmende Verbildlichung von Informationen auf Internet-Seiten. Für Sehende oft eine Bereicherung, wirkt sie sich für Blinde fatal aus. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es - aber wer das Bild nicht sehen kann, für den bleibt der Computer stumm. Denn Braillezeile und Sprachsoftware können nur echte Textdateien wiedergeben. Auf durchgestylten Web-Seiten aber werden oft sogar Überschriften und ganze Textpassagen als Graphiken codiert.