Als Bertolt Brecht im Herbst 1949 nach Berlin zurückkehrte - anfangs in einem provisorisch hergerichteten Flügel des ausgebrannten Hotels "Adlon" wohnend war es das Ende einer Irrfahrt: eines berühmten Unbekannten.

Der durch den Erfolg der "Dreigroschenoper" (Uraufführung 31. August 1928) wohlhabende Stückeschreiber - noch im August 1932 kauft er ein prächtiges Anwesen im bayerischen Utting - hatte seit seiner Flucht am Tage nach dem Reichstagsbrand "öfter die Länder als die Schuhe" gewechselt: Prag, Paris, Skandinavien, quer durch die Sowjetunion via Wladiwostok ins rettende, böse Amerika. Dort, vor den Toren Hollywoods, darf er sich einreihen in die Schlange derer, "die Lügen verkaufen"; allein Brechts Wahrheiten will niemand. Die Jahre des amerikanischen Exils sind zwar die fruchtbarsten des Stückeschreibers Bertolt Brecht - doch seine Texte bleiben ungedruckt, ein Hollywood-Script wird abgelehnt, einzig der "Galilei" mit Charles Laughton in dessen Limousine mit Chauffeur Brecht zweimal das Land durchquert - wird aufgeführt. Ansonsten: Mal lesen in einem jüdischen Club Ernst Deutsch, Fritz Kortner und Helene Thimig seine Gedichte, mal versammeln sich bei ihm unter dem Weihnachtsbaum (1941) Elisabeth Bergner, Paul Czinner, Marta und Lion Feuchtwanger, Alexander Cranach und Fritz Lang. Die Hausfrau, Helene Weigel, eine der Großen ihrer Zunft, erhält in all den Jahren in den USA ein Mal eine stumme Rolle. Sie muß putzen gehen, um die knappe Haushaltskasse aufzubessern.

Brecht, dessen Ästhetik unbegriffen und dessen Gesinnung verdächtig ist, verläßt Amerika am Tage nach seinem Verhör durch das Committee for Un-American Activities. Er schifft sich ein nach Europa, das in Trümmern liegt, in dem er keine Heimstatt hat: keinen Paß, kaum Geld, keine Bühne, (noch) keinen Verlag. Er sitzt in Zürich, versucht dort Theater zu machen, eine "Antigone" in Chur, Überlegungen zum "Puntila" in Zürich, Gespräche mit den alten Gefährten: Caspar Neher, Therese Giehse, Ruth Berlau, Oscar Fritz Schuh - und Gottfried von Einem.

Der österreichische Komponist, Mitglied des Direktoriums der Salzburger Festspiele, wurde nun gleichsam zum Regisseur einer Farce in mehreren Akten: Er versuchte - Teil seines Plans zur Erneuerung der Festspiele - dem seit 1935 staatenlosen Brecht ("wegen Schädigung der deutschen Belange und Verstoßes gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk" hatten die Nazis ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt) durch eine Zusammenarbeit mit den Festspielbehörden einen österreichischen Paß zu besorgen. Ohne Papiere konnte Brecht nämlich weder auf Dauer in der Schweiz bleiben noch in eine der deutschen Besatzungszonen einreisen. Die Querelen waren langwierig, wie es sich für eine Farce gehört; zur Komik gehört Brechts ernsthafter Versuch, einen "Salzburger Totentanz" zu schreiben. Zum Nicht-mehr-Komischen gehört, daß noch Jahre später - Brecht hatte seit dem 12. April 1950 die österreichische Staatsbürgerschaft - die chronisch reaktionäre Wiener Presse tobte: "Kulturbolschewistische Atombombe auf Österreich abgeworfen" oder "Wer schmuggelte das Kommunistenpferd in das deutsche Rom?" durfte man da lesen.

Nachdem der Marxist Brecht der Einladung gefolgt war, in Ost-Berlin zu leben, wo man ihm ein eigenes Theater versprach, begann die graue Dämmerung einer immer wieder weggeschobenen Enttäuschung: Schon anläßlich seiner Begrüßung im Clubhaus des Kulturbundes (Enklave der privilegierten Ost-Intelligenz, makabrerweise im Palais des ehemaligen Papenschen "Herren-Clubs") notierte er: "Ich selber spreche nicht, entschlossen ... nicht aufzutreten."

Auftreten konnten dann seine großartigen Schauspieler, die Weigel feierte Triumphe als "Mutter Courage" (Premiere 11. Januar 1949) - doch irrt, wer annimmt, Brecht sei mit offenen Armen in der jungen DDR aufgenommen worden. Schon in den späten zwanziger Jahren galt er, zusammen mit Ernst Bloch, John Heartfield oder Alfred Döblin, als "Formalist", dessen Arbeit dem "realistischen" Ästhetikmodell etwa von Georg Lukács nicht entsprach. Bereits zwei Wochen nach der "Courage"-Premiere - das Berliner Ensemble gastierte noch in Langhoffs Deutschem Schauspielhaus, das Theater am Schiffbauerdamm ("die Putten im Zuschauerraum lassen wir, damit es nicht aussieht, als hätten wir zu große Illusionen") wird erst 1954 bezogen - erfolgt der erste Angriff des alten Kontrahenten Friedrich Wolf, gleich darauf vertritt der Kritiker Fritz Erpenbeck die Parteilinie. Kaum überliefert ist, daß Brecht nicht einmal das ursprünglich von ihm gewählte Picasso-Motiv für den berühmten Halbvorhang gestattet wurde; die Friedenstaube war die Notlösung.

Brecht war eingetroffen. Angekommen war er nicht. Die ästhetischen, ideologischen und administrativen Widerstände waren und blieben groß. 1952 erwägt er das chinesische Exil. Im März 1953 notiert er: "unsere aufführungen in berlin haben fast kein echo mehr, in der presse erscheinen kritiken monate nach der erstaufführung, und es steht nichts drin, außer ein paar kümmerlichen soziologischen analysen. das publikum ist das kleinbürgerpublikum der volksbühne, arbeiter machen da kaum 7 prozent aus."