Was geschieht, wenn der amerikanische Präsident demnächst einen militärischen Schlag gegen Saddam Hussein anordnen sollte? Alle Welt wird darin nur noch Clintons Versuch sehen, von seinen Schwierigkeiten abzulenken. Soweit ist es mit der einzigen Supermacht gekommen.

Der Präsident der Vereinigten Staaten - ein Kaiser auf Zeit - muß um sein Amt bangen. Ihm bleiben an sich fast drei Jahre im Weißen Haus. Aber seit den Anwürfen der vergangenen Woche sind ihm die Staatsanwälte auf den Fersen und die Medien nicht minder. Als Bill Clinton am Dienstag abend im "Bericht zur Lage der Nation" seine beachtliche Erfolgsbilanz zog und großzügig Sozialhilfen ankündigte, galt alle Aufmerksamkeit weniger seinen Worten als vielmehr seinen Gesichtszügen. Clinton, ein Präsident auf Abruf.

Wer die Hatz der Ultrarechten und der Sensationshungrigen verfolgt, wird das als ungerecht empfinden. Soll es denn wirklich erlaubt sein, in der Intimsphäre des ersten Mannes des Staates zu schnüffeln, um ihn aus dem Amt zu drängen? Und was gilt ein Sonderermittler, der dem gegnerischen politischen Lager angehört und von dort munitioniert wird?

Bill Clinton steht nun im Verdacht der Lüge und der Anstiftung zum Meineid, wegen eines angeblichen Techtelmechtels im Weißen Haus.

Mancher hierzulande, der unversehens die Frivolität als europäisches Kulturgut entdeckt, schreibt die Bredouille des amerikanischen Präsidenten der Prüderie jenseits des Atlantiks zu. Doch so durch und durch puritanisch sind die Vereinigten Staaten längst nicht mehr, wie schon ein kurzes Zappen durch die unzähligen Fernsehkanäle beweist. Und haben Clintons Landsleute den notorischen Schürzenjäger aus Arkansas nicht nur einmal, sondern gleich zweimal ins höchste Staatsamt gewählt?

Nicht Prüderie, sondern die gnadenlose Verrechtlichung des amerikanischen Lebens hat Clinton eingeholt. Diese Verrechtlichung erfaßt inzwischen selbst jenen Bereich, in dem Juristen sich zurückhalten sollten, nämlich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern.

Das undurchsichtige Verfahren wegen sexueller Belästigung, das die medienbewußte Paula Jones gegen den Präsidenten in Gang setzte, bewog ihre Anwälte, nach sonstigen Seitensprüngen Clintons zu forschen. Das Recht, das den einzelnen vor Willkür der Mächtigen schützen soll, gibt nun auch die Mächtigen zur Jagd frei.