Von der Waschstraße bis zur nächsten Schmutzpfütze sind es oft nicht einmal hundert Meter. An der Bewertung dieser Tatsache freilich scheiden sich die Geister. Die meisten Fahrer reagieren mit Heulen und Zähneknirschen. Freudig und dankbar hingegen steuern die Besitzer von Geländefahrzeugen nach der Wäsche eine solche innerstädtische Oase an, um den sauberen Lack mit authentisch rustikalen Dreckspritzern zu verzieren. Wenn so ein Jagdfahrer auf rollendem Hochsitz seinen dicken Stollenreifen ins Schlammloch senkt, bis es spritzt, hebt dies nicht nur sein Lebensgefühl, sondern produziert auch Bio-Rallye-Streifen auf der Fahrertür.

Der noble Glanz von Metallic-Lack wird durch die herbe Anmutung frisch getrockneten Schlamms reizvoll kontrastiert. Ohne das Rauhe wäre das Glatte eine halbe Sache.

Sofern in urbanen Zentren Naturschlamm, Echtschlamm oder Vollschlamm nicht vorfindlich sind, muß sich der Off-Road-Fan auf den Weg machen. Entweder nolens volens in Richtung Gelände oder zum nächsten Fachgeschäft für Autozubehör. Die mit Feuchtschmutz und Treibgas gefüllte Spraydose etwa ist eine wahre Wunderwaffe gegen unerwünschte Sauberkeit (ich kenne einen Mann, der beschwört, dieses Produkt einer Münchner Firma mit eigenen Augen gesehen zu haben).

Weil nicht nur Sauberkeit, sondern auch Schmutz vergänglich ist, erfreuen sich hochwertige und beständige Erzeugnisse auch auf dem Schmutzsektor immer größerer Beliebtheit: Der Trend zum Dauerdreck ist unübersehbar. Die luxuriöseste und sauberste Lösung des Problems bietet die "Sonderlackierung Schmutzmotiv", ausgeführt von künstlerischer Hand in Airbrush-Technik auf den Kotflügeln (gesichtet auf einem Chrysler in Wien).

Mit Drecklooklack versiegelt, braucht ein Geländeauto keine Angst vor der Waschstraße zu haben.

Ganz im Gegensatz zu den hochfahrenden Helden der freien Wildbahn hat der Normalbürger nicht vor der Wäsche, sondern vor Verschmutzung Angst. Für ihn hält der Zubehörfachhandel ein anderes Medium zur rituellen Selbstbeschmutzung bereit, das sich von den mimetischen Varianten der Off-road-Fans durch einen höheren Grad der Formalisierung, Metaphorisierung und Ironisierung unterscheidet: den lila Klecks.

Kulturgeschichtliche Vorläuferin des Kleckses ist die Schmutz-Simulationslinie. Sie ist jedem Kenner zeitgenössischer alpiner Architektur bekannt. Während traditionelle Bauernhäuser bis zum Erdboden durchgängig weiß gekalkt waren, ohne deshalb jemals Verschmutzung zu erleiden, werden die kleinbürgerlichen Neubauten stets in Bodennähe mit einem braunen Streifen geschmückt, der die untersten fünfzig Zentimeter des Hauses als Schmutzzone kennzeichnet. Die Schmutz-Simulationslinie verkündet, daß das weiße Haus über jede reale Verschmutztheit erhaben ist, indem es den Schmutz in seiner Negation zeigt und damit dialektisch in sich aufgehoben hat. In den achtziger Jahren griff der alpine Brauch in Form von grauen Plastikstreifen auf die Flanken der Autos über.