Weg mit der alten, selbstverliebten Gemächlichkeit! Was haben wir nicht früher, als die Züge noch langsamer fuhren, als die Orgasmen ewig dauerten und die Stunde noch sechzig Minuten hatte, für Umwege gemacht. Gedankenverloren schauten wir aus dem Fenster, wo die Landschaft vorüberhoppelte, und ließen uns die in Stein gehauenen Sätze unserer Leitartikel auf der Zunge zergehen. Vorbei, vorbei.

Nun aber frisch hinein ins Neue! Ja, die Dinge wollen rasch auf den Punkt gebracht sein, Zuspitzung tut not, ein Bild sagt mehr als tausend Worte und je größer die Überschrift, desto bedeutender, was ihr folgt. Durchzug will zwischen die Spalten, und der herbe Wind der Gegenwart umspült die zarten Zeilen. Denn der Leser will es kurz.

Der Leser! Wir lieben ihn, und wir fürchten ihn. Wie spricht der Dichter? "Denn der Leser ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen / und wir bewundern ihn so, weil er gelassen verschmäht, / uns zu zerstören. Ein jeder Leser ist schrecklich." Und in der fünften Elegie fragt der Kollege mit Macht und mit Recht: "Wer aber sind sie, sag mir, die Leser, diese ein wenig / Flüchtigern noch als wir selbst?"

Ach, Rainer Maria, wir wissen es nicht. Keiner weiß mehr. Lieber laß uns, lieber Rilke, reden von dem, was wir kennen, laß uns reden, ein einziges Mal nur, von unserem Schicksal, vom Los der Schreiber. Wie singst du? "Unser Blick ist vom Vorübergehn der Zeilen / so müd geworden, daß er nichts mehr hält. / Uns ist, als ob es tausend Zeilen gäbe / und hinter tausend Zeilen keine Welt."

Gut gegeben! Hundert Zwischenzeilen tun's ja auch. Speerspitzen gleich dringen sie ein in die Problemzone Text, bringen Licht ins Graue, Welt auf die Seiten, Luft in die Köpfe, und leicht wie eine Seifenblase schweben wir dem Leser entgegen. Schon hat er uns - und platsch!

Finis