Beim Zeitungmachen spielt die Ästhethik heute eine große Rolle - zum Beispiel, wenn es darum geht, wie Seiten gebaut, Texte präsentiert, nach welchen Gesichtspunkten Photos und Illustrationen ausgewählt und eingesetzt werden. Farbpaletten erzeugen Stimmungen, schaffen Markenzeichen und spiegeln die Blattkultur wider. Selbst weiße Flächen, in ihrer stillen Präsenz, können ästhetische Mittel sein.

Jetzt erscheint die ZEIT in einem neuen Gewand. Ein guter Anlaß, über die Rolle von Zeitungsdesign nachzudenken, über die Entwicklung dieser Kunst und ihr Wechselspiel mit dem Journalismus. Diese Beziehung war nie einfach, aber sie ist stabil, und es wird sie immer geben. Denn in ihr verschmelzen die drei wichtigsten Disziplinen des Zeitungmachens: das Schreiben, das Redigieren und das Design.

Ein Ausflug in die staubigen Archive irgendeiner Zeitung würde zeigen, daß für Redakteure das Wort Design nicht unbedingt zum festen Wortschatz gehörte. Und doch würde jemand, der sich für alte Zeitungen interessiert, in den Archiven rund um den Globus viele wundervoll aufgemachte Exemplare entdecken, wahre Augenweiden. Das gilt auch für die ZEIT. Ich kann mich für alte Ausgaben begeistern, und ich bin immer wieder entzückt, wenn es jemandem einem Redakteur, einem Layouter oder sonst einem visuell begabten Menschen gelungen ist, einer Zeitungsseite Leben einzuhauchen - sei es durch ein wunderschönes Photo, eine bewegende Illustration (die Zeitungskunstform der Jahrhundertwende) oder einfach durch ein schönes Initial am Anfang des Textes. Bis vor kurzem kam Design als Arbeitsbegriff in der Zeitung gar nicht vor. Nur hin und wieder zeigte es auf einer Seite sein schönes Gesicht, und dem Leser gingen die Augen über, selbst wenn dem Labsal viele, viele langweilige Textseiten folgten. Gutes Design war meist ein Zufallsprodukt, alles andere als systematisch. Als es jedoch die Zeitungen eroberte, schritt es stolz durch das Tor, königlich gewandet und bereit, auf der Stelle sein Können zu zeigen. Wie immer man es nennen mag - auch der eigensinnigste und mürrischste Redakteur zeigt ein Faible, wenn es ums Layout geht, um das Aussehen einer Seite, die am Ende des Abends das gewisse Etwas haben soll.

Harold Evans, ehemaliger Chefredakteur der Londoner Sunday Times, schrieb in seinem 1973 erschienenen Buch "Newspaper Design" von den "magischen Gefilden des Layouts, magisch, weil es sich dabei für die meisten Zeitungsleute um eine immer wiederkehrende Vereinigung von Geist und Materie handelt, die immer wieder romantisch und spannend ist".

Design - das Wort an sich hatte einst in der Zeitungswelt einen negativen Beiklang. Weitaus eher akzeptierte man den Begriff Layout, der die gleiche Funktion erfüllt. Layouter, nicht Designer, bevölkerten die Redaktionsstuben. Einer der ersten Layout-Gurus, der amerikanische Professor Edmund C. Arnold, erklärte 1969, daß "der Zeitungstypograph ein Kommunikationshandwerker ist, dessen einzige Aufgabe darin besteht, Buchstaben als Werkzeug für eine schnelle, genaue Übermittlung von Informationen zu benutzen ... während für den ,Designer' Buchstaben nichts als hübsche Formen des lateinischen Alphabets sind, die er als dekorative, abstrakte Elemente einer Komposition benutzt".

Dem kann ich zustimmen. Es war im Jahre 1979, ich war damals junger Professor an der Newhouse School of Public Communications der Universität in Syracuse im Staat New York. Mein Lehrauftrag war, einen der wenigen Kurse über Zeitungsdesign zu leiten, die damals in den Vereinigten Staaten angeboten wurden. Es gab nicht einmal ein aktuelles Lehrbuch zu diesem Thema. Deshalb fand ich es an der Zeit, eines zu schreiben. Schließlich setzte damals gerade der Überlebenskampf vieler Zeitungen ein: Die Auflagen sanken, jüngere Leser waren nicht zu gewinnen. Die Blätter führten Farbe ein, aber ohne ausreichendes visuelles Know-how. Sie versuchten verzweifelt, zuviel auf einmal zu sein: nicht nur Zeitung, sondern auch noch Magazin und möglichst obendrein Fernsehen. Ja, es war eine Periode völliger Orientierungslosigkeit. Da ich die zukünftige Generation von Layoutern (oder Designern) unterrichtete, dachte ich jeden Tag, an dem ich aus dem Hörsaal kam, wieviel Energie verlorenginge, wenn wir die Gunst der Stunde nicht nutzten, um System in diese Umwälzung zu bringen, wieviel Energie verlorenginge, wenn wir dem Visuellen den Weg in die Redaktionsstuben nicht bereiteten. Ein Buch mußte her, vielleicht sogar ein Manifest, um klar und knapp festzuhalten: Dies ist kein Aufruhr, der sich wieder legt, dies ist eine Revolution, und jetzt folgen ein paar Anleitungen, wie man als Sieger daraus hervorgehen kann.

Als ich jedoch ein Exposé meines zukünftigen Buches an einen der größten amerikanischen Verlage schickte, war die Antwort wenig ermutigend: "Wir glauben nicht, daß es derzeit einen Markt für ein Buch über Zeitungsdesign gibt. Dieses Fach wird an nur drei Universitäten gelehrt. Deshalb können wir Ihr Projekt derzeit leider nicht aufgreifen." Ich blieb hartnäckig, und es gelang mir, den Verleger zu überzeugen, das Buch wenigstens für die Profis in den Zeitungsredaktionen zu verlegen. So erschien im Herbst 1981 mein Lehrbuch "Contemporary Newspaper Design".