Beim Zeitungmachen spielt die Ästhethik heute eine große Rolle - zum Beispiel, wenn es darum geht, wie Seiten gebaut, Texte präsentiert, nach welchen Gesichtspunkten Photos und Illustrationen ausgewählt und eingesetzt werden. Farbpaletten erzeugen Stimmungen, schaffen Markenzeichen und spiegeln die Blattkultur wider. Selbst weiße Flächen, in ihrer stillen Präsenz, können ästhetische Mittel sein.

Jetzt erscheint die ZEIT in einem neuen Gewand. Ein guter Anlaß, über die Rolle von Zeitungsdesign nachzudenken, über die Entwicklung dieser Kunst und ihr Wechselspiel mit dem Journalismus. Diese Beziehung war nie einfach, aber sie ist stabil, und es wird sie immer geben. Denn in ihr verschmelzen die drei wichtigsten Disziplinen des Zeitungmachens: das Schreiben, das Redigieren und das Design.

Ein Ausflug in die staubigen Archive irgendeiner Zeitung würde zeigen, daß für Redakteure das Wort Design nicht unbedingt zum festen Wortschatz gehörte. Und doch würde jemand, der sich für alte Zeitungen interessiert, in den Archiven rund um den Globus viele wundervoll aufgemachte Exemplare entdecken, wahre Augenweiden. Das gilt auch für die ZEIT. Ich kann mich für alte Ausgaben begeistern, und ich bin immer wieder entzückt, wenn es jemandem einem Redakteur, einem Layouter oder sonst einem visuell begabten Menschen gelungen ist, einer Zeitungsseite Leben einzuhauchen - sei es durch ein wunderschönes Photo, eine bewegende Illustration (die Zeitungskunstform der Jahrhundertwende) oder einfach durch ein schönes Initial am Anfang des Textes. Bis vor kurzem kam Design als Arbeitsbegriff in der Zeitung gar nicht vor. Nur hin und wieder zeigte es auf einer Seite sein schönes Gesicht, und dem Leser gingen die Augen über, selbst wenn dem Labsal viele, viele langweilige Textseiten folgten. Gutes Design war meist ein Zufallsprodukt, alles andere als systematisch. Als es jedoch die Zeitungen eroberte, schritt es stolz durch das Tor, königlich gewandet und bereit, auf der Stelle sein Können zu zeigen. Wie immer man es nennen mag - auch der eigensinnigste und mürrischste Redakteur zeigt ein Faible, wenn es ums Layout geht, um das Aussehen einer Seite, die am Ende des Abends das gewisse Etwas haben soll.

Harold Evans, ehemaliger Chefredakteur der Londoner Sunday Times, schrieb in seinem 1973 erschienenen Buch "Newspaper Design" von den "magischen Gefilden des Layouts, magisch, weil es sich dabei für die meisten Zeitungsleute um eine immer wiederkehrende Vereinigung von Geist und Materie handelt, die immer wieder romantisch und spannend ist".

Design - das Wort an sich hatte einst in der Zeitungswelt einen negativen Beiklang. Weitaus eher akzeptierte man den Begriff Layout, der die gleiche Funktion erfüllt. Layouter, nicht Designer, bevölkerten die Redaktionsstuben. Einer der ersten Layout-Gurus, der amerikanische Professor Edmund C. Arnold, erklärte 1969, daß "der Zeitungstypograph ein Kommunikationshandwerker ist, dessen einzige Aufgabe darin besteht, Buchstaben als Werkzeug für eine schnelle, genaue Übermittlung von Informationen zu benutzen ... während für den ,Designer' Buchstaben nichts als hübsche Formen des lateinischen Alphabets sind, die er als dekorative, abstrakte Elemente einer Komposition benutzt".

Dem kann ich zustimmen. Es war im Jahre 1979, ich war damals junger Professor an der Newhouse School of Public Communications der Universität in Syracuse im Staat New York. Mein Lehrauftrag war, einen der wenigen Kurse über Zeitungsdesign zu leiten, die damals in den Vereinigten Staaten angeboten wurden. Es gab nicht einmal ein aktuelles Lehrbuch zu diesem Thema. Deshalb fand ich es an der Zeit, eines zu schreiben. Schließlich setzte damals gerade der Überlebenskampf vieler Zeitungen ein: Die Auflagen sanken, jüngere Leser waren nicht zu gewinnen. Die Blätter führten Farbe ein, aber ohne ausreichendes visuelles Know-how. Sie versuchten verzweifelt, zuviel auf einmal zu sein: nicht nur Zeitung, sondern auch noch Magazin und möglichst obendrein Fernsehen. Ja, es war eine Periode völliger Orientierungslosigkeit. Da ich die zukünftige Generation von Layoutern (oder Designern) unterrichtete, dachte ich jeden Tag, an dem ich aus dem Hörsaal kam, wieviel Energie verlorenginge, wenn wir die Gunst der Stunde nicht nutzten, um System in diese Umwälzung zu bringen, wieviel Energie verlorenginge, wenn wir dem Visuellen den Weg in die Redaktionsstuben nicht bereiteten. Ein Buch mußte her, vielleicht sogar ein Manifest, um klar und knapp festzuhalten: Dies ist kein Aufruhr, der sich wieder legt, dies ist eine Revolution, und jetzt folgen ein paar Anleitungen, wie man als Sieger daraus hervorgehen kann.

Als ich jedoch ein Exposé meines zukünftigen Buches an einen der größten amerikanischen Verlage schickte, war die Antwort wenig ermutigend: "Wir glauben nicht, daß es derzeit einen Markt für ein Buch über Zeitungsdesign gibt. Dieses Fach wird an nur drei Universitäten gelehrt. Deshalb können wir Ihr Projekt derzeit leider nicht aufgreifen." Ich blieb hartnäckig, und es gelang mir, den Verleger zu überzeugen, das Buch wenigstens für die Profis in den Zeitungsredaktionen zu verlegen. So erschien im Herbst 1981 mein Lehrbuch "Contemporary Newspaper Design".

Seitdem ist viel geschehen. Das Buch wurde dreimal völlig neu herausgegeben, erschien in Dutzenden von Nachdrucken und Übersetzungen in anderen Sprachen. Doch die Botschaft dieses Buches ist noch immer das Credo meiner Arbeit: Design steht nicht für sich in der unendlichen Zeitungslandschaft, es ist ein Teil des Ganzen, kommt gleich nach dem Inhalt und ist sein wichtigster Verbündeter.

Doch es hat sich noch viel mehr getan. Zeitungsdesign ist nicht nur zu einer akademischen Disziplin avanciert, die heute als Studienfach an Universitäten überall auf der Welt gelehrt wird. Man hat in den Zeitungsredaktionen begonnen, die Optik stärker zu berücksichtigen. Zeitungen haben sich von textdominierten Blättern ohne besonderen ästhetischen Anspruch in stilvolle Produkte verwandelt, in denen Bilder und Worte sich freudig miteinander abgeben wie Kinder auf einem Spielplatz.

Zeitungsredakteure sind meist graphisch nicht ausgebildet

Das war kein leichtes Zusammenkommen, denn da prallen zwei Welten aufeinander: die des Journalisten und die des Künstlers. Zeitungsredakteure, die Journalistenschulen absolviert oder Geisteswissenschaften studiert haben, erhalten meist keine Ausbildung in Graphik. Einige interessieren sich trotzdem für Layoutfragen, und sie sind in der Regel toleranter, wenn es um die visuelle Aufmachung der Seiten geht (sie haben Sinn für Photos, Zeichnungen und Info-Graphiken). Die meisten Redakteure jedoch sind daran entweder nicht interessiert oder im schlimmsten Fall visuelle Analphabeten. Für diese Redakteure ist alles, was gedruckt, aber kein Wort ist, reine Papierverschwendung. Kompromisse gibt es für sie nicht.

Bereits 1982 erschien in Design, dem offiziellen Magazin der Society of Newspaper Design (SND, eine 1979 gegründete und in den Vereinigten Staaten ansässige Organisation, die heute 2549 Mitglieder in 49 Ländern zählt, darunter 19 Mitglieder in Deutschland), ein Artikel mit der Überschrift "Designer, ein schmutziges Wort?". Darin erklärte der Autor den Journalisten, warum eine Zeitung unbedingt einen Designer brauche. Ein anderer Autor vertrat die gegenteilige Ansicht, "daß ein Designer in meiner Zeitung ein Luxus wäre, den wir uns nicht leisten können". Als die "Invasion" der Designer in die Redaktionen der Welt begonnen hatte, war in Seminaren häufig zu hören, daß Designer Künstlernaturen seien und deshalb auch launisch und unberechenbar. Man traute ihnen nicht zu, feste Termine einzuhalten, wie es für Journalisten üblich ist (oder sein sollte). "Zuviel Kreativität kann den Produktionsprozeß verzögern", raunte mir bei einem Seminar in Washington ein Journalist zu.

Auch wenn heute noch gelegentlich Journalisten so argumentieren, sind die meisten zu der Überzeugung gelangt, daß Design und Designer unentbehrlich zu ihrer Zeitung gehören. Nie zuvor ist Kreativität für eine Zeitung eine so unbedingte Voraussetzung gewesen, und niemand zweifelt, daß sie eine wünschenswerte Begabung ist.

Es gibt drei wesentliche Auslöser für den Sinneswandel unter Journalisten und Zeitungsverlegern: die technische Entwicklung, Marketingerfordernisse - und die anderen Medien.

Die technische Entwicklung: Sie ist einer der wichtigsten Gründe für das Redesign von Zeitungen. In den vierziger und fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden ausschließlich Hochdruckschnellpressen benutzt. Dabei wurden die Drucklettern in der Form durch die Spaltenlinien gehalten und verkeilt. Deshalb konnte die Überschrift nicht breiter als eine Spalte sein. Es war unmöglich, einen Buchstaben über diese Begrenzung hinaus zu setzen. Kein Wunder, daß Design als solches keine ernsthafte Rolle spielte.

Erst die Rotationspresse und die Verwendung runder Stereotypieplatten ermöglichten dann ein horizontales Layout. Dadurch konnten die Seiten in der Breite optisch aufgelockert werden, der Wechsel zwischen engen und breiten Spaltenüberschriften war möglich. Am 19. Dezember 1864 prangte in der New York Times erstmalig eine über die ganze Seite sich erstreckende horizontale Überschrift, die verkündete, daß William Sherman, Yankee-General im amerikanischen Sezessionskrieg, die Südstaatenstadt Savannah eingenommen habe.

Die Einführung der Photographie, die wachsende Zahl von Illustrationen und schließlich Ende der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts die Erfindung der "kalten" Drucktechnik (die Typen waren nun nicht mehr aus Metall) markierten den eigentlichen Beginn der Designrevolution. In den siebziger Jahren trieb die Einführung von Bildschirmen die Entwicklung weiter voran, bis hin zum Ganzseitenumbruch in den achtziger Jahren. Heute sind einem kreativen Designer kaum Grenzen gesetzt. Fast alles ist ohne großen Aufwand technisch umsetzbar.

In den siebziger Jahren hat sich die visuelle Invasion auch in der farbigen Gestaltung von Seiten bemerkbar gemacht. Selbst die ehrwürdige New York Times konnte dieser Wucht nicht länger standhalten. Im Herbst 1997, nach 139 Jahren im eintönigen Nadelstreifenanzug, setzte sie Farbe auf der Titelseite und in anderen Rubriken ein. Nachdem die Supplements schon 1993 farbig geworden waren, erschien die Zeitung nun voll und ganz im jugendlichen Outfit. Zukünftige Zeitungsforscher werden garantiert feststellen, daß die Design-Invasion hier einen ihrer herrlichsten Siege feierte.

Das Marketing: Hier hat sich viel verändert, weil Journalisten und Verleger mittlerweile zu der Überzeugung gelangt sind, daß Zeitungen auch Produkte sind, die verkauft sein wollen. In den vergangenen zehn Jahren wurden darüber eingehende Untersuchungen angestellt. Eine Zeitung gilt heute als Ware, für die "Verbraucherakzeptanz" unentbehrlich ist.

Der Leser spielt heute eine größere Rolle als früher: Journalisten und Verleger stützen sich auf Umfragen und Studien, um die Vorlieben jenes schwer faßbaren und immer anspruchsvoller werdenden Zeitgenossen zu ermitteln. Es ist kein Geheimnis, daß viele Zeitungen ein Redesign vornehmen, nachdem sie ihre Leserschaft mit Hilfe von Marktforschung gründlich analysiert haben.

Die anderen Medien: Als das Thema Design für Zeitungen an Bedeutung gewann, geschah das auch durch die Konkurrenz zu anderen Medien, vor allem zum Fernsehen. Zahllose Seminare, Zeitungsartikel und selbst Bücher beschäftigten sich mit dem Phänomen, daß junge Menschen mit dem Fernsehen aufwachsen, mit diesem "verblödenden Medium", das sie mit suggestiver Gewalt in die platte Welt des Nichtlesers entführt. Dieses Thema wird noch immer debattiert, und überall auf der Welt widmen ihm besorgte Journalisten, die das Fernsehen als ihren Feind geißeln, unzählige Stunden.

Doch schon hat man in den Redaktionen einen neuen Feind am Horizont gesichtet: das Internet. Wenn junge Leute schon nicht fernsehen, heißt es, dann treiben sie sich im wundersamen Dschungel des Internet herum. Sie lesen zwar keine Zeitung. Doch sie lesen im neuen Medium.

Anders als beim Fernsehen muß man im Internet Text entziffern, und es gibt handfeste Beweise, daß viele junge Leute (aber auch ältere), die dort abtauchen, in der Tat lesen. Ich sehe es so: Das Internet ist noch immer ein Medium, das vor allem von gebildeten Lesern genutzt wird, die Computer haben; und sie interessieren sich wirklich für die Themen, zu denen sie Informationen suchen, manchmal sind sie sogar besessen davon. Dieses Interesse auf hohem Niveau bringt also eine Menge Lesearbeit mit sich.

So wie wir das Fernsehen nicht für sinkende Zeitungsauflagen verantwortlich machen können, die seit den siebziger Jahren vielerorts zu beobachten sind, sollten wir auch das Internet nicht als neuen Feind oder Konkurrenten verteufeln.

Wir werden auch in Zukunft in einer Multimediawelt leben. Zeitungen müssen eben besser zu lesen sein und interessanter daherkommen. Und sie müssen schöner aussehen. Dasselbe gilt für Bücher und Zeitschriften - aber auch für Fernsehen und Internet.

Der eigentliche Konkurrent ist unser alter Freund oder auch Feind: die Zeit. Der moderne Mensch wird mit Informationen bombardiert, weitaus mehr, als er aufnehmen kann. Doch dieser moderne Mensch ist auch ein Medienfanatiker: Er will ja Zeitung lesen, Radio hören, Fernsehen gucken, die Wochenzeitschrift lesen und im Internet surfen. Ob da wohl genug Zeit bleibt für zwischenmenschliche Beziehungen, Sport, Gartenarbeit und das Haustier? (Aber das ist eine andere Geschichte!)

Deutsche Zeitungen waren immer etwas Besonderes

Wer sich mit dem Zeitungsdesign in Deutschland befaßt, stößt auf interessante Erkenntnisse.

Erstens: Die meisten deutschen Zeitungen waren typographisch schon immer etwas Besonderes - was nicht überrascht, wenn man bedenkt, daß die deutsche Kultur so zahlreiche Schrifttypen hervorgebracht hat und, noch wichtiger, daß die Deutschen solchen Respekt vor dem gesetzten Wort haben. (Ich habe einige Erfahrungen mit deutschen Designern gemacht. Dabei ist mir aufgefallen, daß selbst in den kleinsten Zeitungsredaktionen ein ausgeprägter Sinn für Schrifttypen vorherrscht, ja geradezu Hochachtung vor ihnen. So etwas habe ich nirgendwo anders erlebt. Und ich habe viel daraus gelernt.)

Historisch hatten die Deutschen in der Drucktechnik und der Herstellung von Typen eine Schlüsselrolle. Das begann mit der Erfindung des Buchdrucks mit gegossenen beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg in Mainz. Erinnern wir uns aber auch an Albrecht Dürers Alphabet, das 1525 in Nürnberg zum ersten Mal erschien, an die Schreibvorlagen von Johann Neudörffler (Nürnberg 1538), Matthias Wasserberger (Köln 1548), Caspar N. Neffe (Köln 1549) und Christoph Stimmer (Köln 1549). Diese zeugten vom Geschick der Künstler im Umgang mit den gebrochenen Schriften (Fraktur, Schwabacher), der Kursiv als Handschrift und besonders gestalteten Initialen. Ein Deutscher namens Ottomar Mergenthaler, der als Uhrmacher in Baltimore arbeitete, erfand die Setzmaschine Linotype. Damit wurde es möglich, ganze Typenzeilen zu setzen, indem geschmolzenes Metall in Messingmatern gegossen wurde.

Dabei darf nicht vergessen werden, daß die erste regelmäßig erscheinende Zeitung die Aviso Relation oder Zeitung war. Sie erschien erstmals 1609 in Wolfenbüttel. Über dreihundert Jahre später setzten deutsche Typographen immer noch Maßstäbe. Zwei hervorragende zeitgenössische Männer vom Fach, auf die man im Zusammenhang mit Zeitungsdesign immer wieder stößt, sind Jan Tschichold und Hermann Zapf. Obwohl er nicht direkt mit Zeitungen zu tun hatte, ist Tschicholds Buch "Die neue Typographie" noch heute ein Standardwerk für Typographen. Hermann Zapf schuf viele bekannte Schriften, die bis heute verwendet werden.

Zweitens: Trotz dieser reichen Vergangenheit sind deutsche Zeitungen notorische Nachzügler, wenn es um Design und Farbe geht. Auch bei der Verwendung von Photos und Info-Graphiken gelten sie nicht gerade als Vorreiter. Von dem schöpferischen Fieber, das die Typographen im 15. Jahrhundert und darüber hinaus gepackt hatte, ist bei den Designern des ausgehenden 20. Jahrhunderts nicht mehr viel zu spüren.

Drittens: Noch immer spricht man in deutschen Zeitungsredaktionen lieber vom Layout statt vom Design, und die Menschen, die diese Arbeit ausführen, nennen sich Layouter, nicht Designer. In den vergangenen fünf Jahren hatten sie jedoch reichlich Gelegenheit, graphische Sensibilität zu entwickeln. Das ist zum großen Teil Titeln wie Focus, aber auch der Woche zu verdanken. Beide Blätter sind ein gutes Beispiel für die Verwendung von Graphiken, Photos und Farbe. Kurz, für das allgegenwärtige visuelle Büfett, das nichts der Phantasie überläßt. Für mich haben diese beiden Zeitungen wesentlich dazu beigetragen, die visuelle Invasion in Deutschland voranzutreiben!

Viertens: Derzeit geschieht viel Spannendes in deutschen Zeitungsredaktionen, ob es sich um klassische/ernste Zeitungen oder um Boulevardblätter handelt. Dynamik knistert in der Luft. In Berlin zum Beispiel wurden erst der Tagesspiegel und dann die Berliner Zeitung neu gestaltet. Sie sind jetzt moderne Blätter, führen aber trotzdem ihre klassische Tradition fort.

Ich selber habe den Tagesspiegel 1994 umgestaltet. Farbe und eine neue Schrift wurden eingeführt. In einer Stadt, die sich dramatisch verändert, ist es nicht verwunderlich, daß sich solch ein Umschwung auch in den Zeitungen niederschlägt. Ende 1997 erschien die Berliner Zeitung erstmals im neuen Gewand, das der amerikanische Designer Robert Lockwood kreiert hatte.

Der deutsch-amerikanische Zeitungsdesigner und Typograph Rolf F. Rehe, der verantwortlich ist für die Redesigns mehrerer deutscher Zeitungen, schreibt, daß "in einem Land, in dem einst das Bauhaus Künstlern auf der ganzen Welt Impulse gegeben hat, Zeitungsdesign noch immer seltsam unterentwickelt ist". Er räumt jedoch ein, daß viele deutsche Zeitungen jetzt empfänglich sind für Designverbesserungen. "Das hat viel mit den sinkenden Auflagen zu tun. Doch die Offenheit für Neues ist noch nicht sehr ausgeprägt, guckt man doch lieber erst mal, ,was die anderen [deutschen] Zeitungen so machen'." Laut Rehe gilt Farbe noch oft als unseriös, sie wird mit Boulevardpresse assoziiert.

Großes Lampenfieber vor dem Redesign der ZEIT

Rehe fügt hinzu: "Wir müssen den Beruf des Designers bei deutschen Zeitungen aufwerten. Er darf nicht mehr nur als Dienstleister angesehen werden - der bei Bedarf gerufen wird -, sondern muß ein vollwertiges, verantwortliches Mitglied werden, wenn es um redaktionelle Entscheidungen geht. Das bedeutet aber auch, daß sich Designer, die in Zeitungsredaktionen arbeiten, für Politik und Kultur interessieren, ja von Natur aus neugierig sein müssen. Denn wir sollten uns daran erinnern, daß die Aufgabe des Designers wie des Journalisten eine kreative ist: für den Designer in visueller Hinsicht, für den Journalisten in verbaler."

Da die kulturellen und nationalen Grenzen, vor allem in Europa, durchlässiger werden, glaubt Rehe, daß Deutschland im Bereich Zeitungsdesign die restliche Welt bald einholen, wenn nicht auf einigen Gebieten übertrumpfen werde. "Vor allem die traditionellen Sachkenntnisse der Deutschen auf dem Gebiet der Typographie werden dazu beitragen, daß die Deutschen im internationalen Zeitungsdesign eine herausragende Rolle spielen", meint er. Rehe glaubt, daß Die Woche mit ihrem lebendigen Design, vielen Graphiken und großen farbigen Strecken bei ihrem Erscheinen 1993 geradezu revolutionär wirkte: "Die Woche hat so etwas Deutsches, aber ohne die optische Steifheit vieler anderer deutscher Zeitungen."

Steifheit und deutsche Zeitungen - diese Assoziation ist mittlerweile zu einem Klischee geworden. In den Seminaren, die ich überall auf der Welt abhalte, fällt immer eine Bemerkung zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung, deren steifes Erscheinungsbild seit Jahrzehnten Faszination ausübt. Überfliegt man die bislang erschienenen Lehrbücher über Zeitungsdesign, merkt man, daß alle sich irgendwie auf die FAZ beziehen. Immer fällt das Adjektiv "klassisch" oder "konservativ", als gehöre es geradezu zum Logo der Zeitung. Doch ist die FAZ das ultimative Beispiel für deutsches Zeitungsdesign am Ende des Jahrhunderts? Meine Antwort: Es ist der Inhalt, der zählt. In diesem Fall ist das Layout zweitrangig.

Und dann fragt mich stets einer der Zuhörer, was ich tun würde, bekäme ich die ehrenvolle Aufgabe, jene deutsche Institution namens FAZ aufzufrischen. Ich antworte dann höflich und diplomatisch, daß ich mir darüber erst Gedanken mache, wenn es soweit sein sollte. Doch sind Zeitungen, die aussehen wie die FAZ, heute noch gefragt? Natürlich, erwidere ich. Die FAZ selbst ist das beste Beispiel dafür. So wie Menschen können auch Zeitungen Persönlichkeiten sein, die Trends überdauern. Beim Layout der FAZ kann man wohl Zugeständnisse machen. Doch man sollte niemals ihren ruhigen, aber starken Charakter verändern.

Dasselbe gilt für die ZEIT, ein Projekt, das ich mit großem Lampenfieber in Angriff genommen hatte. Mein Pulsschlag erhöhte sich, mein Herzschlag setzte wohl ein-, zweimal aus, und ich fühlte mich wie ein Läufer vor seinem ersten Marathonlauf.Die ZEIT bietet viel Stoff. Ein Blick in diese bisher sehr textdominierte Zeitung genügte, und es wurde einem klar, daß man es hier mit dem Inbegriff von Eleganz zu tun hat: unzählige Spalten Gedrucktes, hier und da ein Photo, viele Zeichnungen und Karikaturen, dann wieder mehr Text, eher kleine Überschriften, ein guter Artikel, ein langer Artikel, alles schwarzweiß, sehr deutsch. Ein Denkmal für die besten, bekanntesten und einflußreichsten Autoren der vergangenen fünfzig Jahre - natürlich mußten Veränderungen ein rotes Tuch für sie sein.

Doch mit dieser Ausgabe erblickt, nach fast auf den Tag genau achtzehn Monaten, eine neue ZEIT das Licht der Welt. Aber ja, sie ist immer noch textdominiert, hat gute Artikel, lange und auch kürzere, alles schwarzweiß, sehr deutsch, und zweifelsohne ist sie dasselbe Monument für hervorragende, bekannte Autoren.

Dieses Monument jedoch wurde gereinigt, geschliffen und geradegerückt. Es steht jetzt noch aufrechter und verbindet das Beste vom Alten mit einem Hauch Neuem. Diese ZEIT, die jetzt ihr Debüt feiert, ist noch immer klassisch-elegant.

Typographisch hebt die ZEIT jedes Buch mit großen, auffallenden Logos hervor, ganz anders als die kleinen, altmodischen der vergangenen fünfzig Jahre. Die Schrifttype Tiemann wird für Überschriften wie für Logos benutzt. Ein wenig Rot im Anfangsbuchstaben eines jeden Logos dient zur Hervorhebung der einzelnen Sektionen. Der Text erscheint in Garamond, während an bestimmten Stellen zur optischen Abhebung die neue Schriftart Thesis verwendet wird.

Eine neue Architektur für die Seiten

Photos haben besondere Bedeutung beim Redesign der ZEIT. Als wir mit dem Projekt begannen, spielten sie noch keine große Rolle. In der neuen ZEIT sind sie jedoch ein elegantes Mittel, um die Botschaft des Textes zu verdeutlichen.

Für mich persönlich war es das Projekt der Projekte. Es war Nummer 408 auf meiner Dienstreise durch die Zeitungsredaktionen dieser Welt, und ich kann mich an kein schwierigeres Unterfangen erinnern, ging es doch darum, die traditionellen Elemente neu aufeinander abzustimmen. Zusätzliche Leser mußten gewonnen, die 1,4 Millionen alten durften jedoch nicht verschreckt werden. Und das ausschließlich mit Schwarzweiß und viel Text.

Das wichtigste Element dieses neuen Designs ist wohl die Architektur der Seiten. Zur neuen ZEIT gehört ein systematisches Einbeziehen von Weißraum in ein Spaltenraster, das großen Textmengen viel Luft verschafft, die sie so nötig brauchen.

Mit fünfzig werden viele Menschen besinnlich. Ich auch. So erinnere ich mich zum Beispiel an die Zeit, als ich neunzehn war und in Florida Journalismus studierte. Im Sommer hospitierte ich bei der Miami News, einer Nachmittagszeitung, die es nicht mehr gibt. Ich wollte natürlich Reporter werden, denn zu meiner Zeit wurde man noch nicht Zeitungsdesigner. Doch nach zwei Tagen bei der Zeitung, in denen ich beobachten konnte, wie die Layouter mit schwarzen Stiften und Linealen herumwirbelten wie Fechter mit ihren Degen, wußte ich, daß ich etwas entdeckt hatte, was zu einer lebenslangen Liebesaffäre werden sollte.

Und obwohl ich durch die Hintertür ins Zeitungsdesign geraten war, fühlte ich mich dort rasch zu Hause, und nichts auf der Welt, weder meine Doktorarbeit in vergleichenden Literaturwissenschaften noch meine Sehnsucht zu schreiben, war stark genug, mich von der Gestaltung einer weißen Zeitungsseite fernzuhalten - bietet sie doch so unendlich viele schöpferische Möglichkeiten.

Zum Glück wurde ich in dem Maße, wie Zeitungsdesign an Akzeptanz und Bedeutung gewann, immer professioneller. Deshalb kann ich heute, als Fünfzigjähriger, beruhigt zurückblicken und mir sagen, daß ich an der "Invasion" aktiv beteiligt war: Die Schlacht ist geschlagen, und überall auf der Welt hat Zeitungsdesign seinen Siegeszug angetreten.

Ganz bestimmt ein schöner Gedanke, nicht nur, wenn man fünfzig ist. Aus dem Englischen von Sigrid Weise

Unter www.zeit.de/links/garcia_mario.html erhalten Sie weiterführende Informationen über Mario García und seine Arbeit.