Das war schon ein seltsames Szenario in den letzten Wochen des vergangenen Jahres. Hunderttausende Studenten ziehen mit ihren Forderungen auf die Straße, und alle haken sich ein: Professoren, Politiker, Personalchefs. Der Applaus war groß, die Resultate sind eher gering. Nun, da die Proteste abgeflaut sind, droht das Thema aus den Medien zu verschwinden. Die Diskussion darf aber nicht ersticken, indem sich jeder auf Fundamentalpositionen zurückzieht: hier die Allianz derjenigen, die zwar von Veränderungen reden, aber eigentlich den Status quo bewahrt wissen wollen, dort diejenigen, die wirkliche Neuerungen wollen, aber auf die große Gesamtlösung warten, ohne die jeder Reformansatz angeblich zum Scheitern verurteilt sei.

Jetzt gilt es für alle, das anzupacken, was kurzfristig im eigenen Verantwortungsbereich verbessert werden kann. Was können die Hochschulen tun?

Immer noch wird die Notwendigkeit von Reformen der Ausbildungsstrukturen von einigen abgetan - meist mit dem Argument, daß bei besserem Wissensstand der Abiturienten und bei geringeren Studentenzahlen, vor allem aber mit mehr Geld sich die Mißstände schon von ganz allein lösen würden. Das ist das altbekannte Muster: Klagen läßt sich am besten über andere.

Ich bezweifle, daß alle Fakultäten und Disziplinen in gleichem Maße das Recht zu solcherlei Klagen haben. Die Klage über mangelnde Eignung der Schulabgänger für ein akademisches Studium mag überall dort vertretbar sein, wo sie sich auf Mängel in der Orthographie, im mündlichen und schriftlichen Ausdruck oder gar in der Beständigkeit des Arbeitenkönnens bezieht (und beweisbar ist). Im übrigen hat es an unseren Hochschulen aber seit je zwei Arten von Disziplinen gegeben: solche, die bei ihren Studenten einen Grundstock an fachbezogenem Wissen voraussetzen, und solche, die das nicht tun, sondern gleichsam "auf der grünen Wiese beginnen". Zumindest diese können den Vorwurf mangelnder Vorbereitung durch die Schule nur sehr bedingt erheben.

Auch das leidige Geld spielt nicht überall die gleiche Rolle. Zwar wird kein vernünftiger Mensch bestreiten, daß bessere Bibliotheken, kleinere Lerngruppen und die bessere Ausstattung mit Geräten für alle Fächer sinnvoll sind. Dennoch sind es nur verhältnismäßig wenige Disziplinen, deren Ausstattung wirklich exorbitante Kosten verursacht. Meist handelt es sich dabei um naturwissenschaftliche Fächer.

Natürlich müßte das Zahlenverhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden günstiger gestaltet werden. Nur so wird sich die Betreuung der Studenten, also die Lehre, wesentlich verbessern lassen, nur so werden die Professoren die wichtigste Voraussetzung verantwortlichen Forschens zurückerhalten: die notwendige Zeit. Natürlich braucht man dafür auch mehr Geld. Aber selbst wenn der Staat in Zukunft noch mehr Finanzmittel zur Verfügung stellen würde, ist das Reservoir zusätzlicher Dozenten nicht beliebig vergrößerbar; uns bereitet ja schon die bevorstehende Welle der Ruhestandsversetzungen an den Universitäten Kopfzerbrechen.

Soll man dann die Studentenzahlen senken? Jeder weiß, daß Bildung in der Wissensgesellschaft der Zukunft Conditio sine qua non ist und daß der Studentenanteil pro Geburtsjahrgang in den kommenden Jahren noch kontinuierlich weitersteigen wird. Deshalb muß man zumindest zweierlei tun: Man muß den Studienanfängern - und noch mehr ihren Eltern! - offen und ehrlich sagen, daß viele von ihnen mit einem Hochschuldiplom nicht mehr das erreichen werden, was man einmal als Akademikerlaufbahn bezeichnete. Außerdem muß man sich ernsthaft um die Studienabbrecher kümmern, die doch nicht als Versager abgestempelt werden dürfen und die die Chance auf ein "kleines Diplom" bekommen müssen.