Washington

So muß ein Präsident in einer Krise auftreten: selbstbewußt, ehrlich, gewinnend. So ist jetzt aufgetreten: seine Frau. Nach dem großen Lauschangriff von Sonderermittler Kenneth Starr auf Monica Lewinsky war Bill Clinton am Ende. Aber dann tritt auf Hillary Clinton, elegant, mit Perlenkette, im braunen Anzug. Es ist Dienstag in der Frühe, Morgennachrichten des Senders NBC - von hier an sind es noch vierzehn Stunden bis zu Bill Clintons Rede zur Lage der Nation. Wenn später einmal zu fragen ist, was den Präsidenten vor "Zippergate" gerettet hat, dann muß die Antwort lauten: Hillary Clintons Interview auf NBC.

Die Affäre sei in Wahrheit ein "rechtsradikales Komplott". Die Medien seien in eine "wahnsinnige Raserei" verfallen. Sollten sich die Vorwürfe gegen ihren Mann bestätigen, dann wäre dies natürlich sehr ernst. Aber: "Sie werden es nicht." Und dann, langsam und mit festem Blick: "Wir beide wissen alles über einander, wir verstehen uns, und wir lieben uns."

Bill Clinton hätte nicht am Dienstag abend im Kongreß zur Lage der Nation sprechen können, ohne auf die Lage seiner Präsidentschaft, ohne auf das Gewirr von Gerüchten und Anschuldigungen einzugehen. Aber seine Frau hatte zuvor den Dreck weggekehrt. Sie bereitete das Parkett für seinen staatsmännischen Auftritt vor. Ohne Amouren und Abhöraktionen erwähnen zu müssen, konnte er sich ganz auf sein altes Lieblingsthema konzentrieren: Amerika an der Wende zum 21. Jahrhundert. Die Renten will er aufpolstern, jetzt, da die Staatskassen voll sind. Einen ausgeglichenen Staatshaushalt wird der Präsident schon im kommenden Jahr vorlegen. Und Saddam Hussein warnte er erneut.

Seine Rede war undramatisch, von buchhalterischer Vollständigkeit und präsidialer Zurückhaltung. Aber nicht der Redner, sondern Hillary Clinton hatte sich an diesem Dienstag als der politische Kopf der Familie bewiesen. Diese Frau ist erfahren im Umgang mit Staatskrisen. Anfang 1974, damals hieß sie noch Hillary Rodham, gehörte sie zu einer Ermittlergruppe als einfache Mitarbeiterin in einem Team von vierundvierzig Anwälten und sechzig Helfern. Sie war eine von nur drei Frauen. Dies war ihre erste Anstellung beim Staat. Und sogleich erfuhr sie die schmutzigsten Staatsgeheimnisse. Denn sie arbeitete für jenen Untersuchungsausschuß des amerikanischen Abgeordnetenhauses, der das Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten Richard Milhous Nixon vorbereitete.

Nun, vierundzwanzig Jahre später, kommen Hillary Clinton die Erfahrungen ihres damaligen Jobs wieder einmal zupaß, wiewohl unter umgekehrten Vorzeichen. Heute versucht sie, die unliebsamen Ermittlungen in der angeblichen Sexaffäre zwischen dem Präsidenten und der damaligen Praktikantin im Weißen Haus, Monica Lewinsky, abzuwehren. Hillary Clinton leitet das Unternehmen zur Rettung ihres Mannes. Ende voriger Woche rief sie alte Freunde und Berater zurück ins Weiße Haus: den früheren Handelsminister Mickey Kantor, den ehemaligen stellvertretenden Stabschef Harold Ickes, den Fernsehproduzenten Harry Thomasson. Dann ging sie zum Gegenangriff über.

Nach der Veröffentlichung der Tonbandaufzeichnungen von den Gesprächen zwischen Monica Lewinsky und deren Freundin Linda Tripp hatte das Weiße Haus zunächst wie gelähmt gewirkt. Jetzt, da die alten Krisenmanager wieder zusammengetrommelt sind, ist die Lähmung gewichen.