Internet stürzt Präsident. Die Parole macht bereits in der Online-Welt die Runde: Wenn Bill Clinton zurücktreten muß, dann wegen des Datennetzes.

Die netizens, die oft rechtsgewirkten Bürger des amerikanischen Internet, neigten schon immer etwas zur Selbstüberschätzung. Aber das Netz hat sicher dazu beigetragen, daß Clintons jüngste Affäre schnell in die Öffentlichkeit geriet - und zeigt damit einmal mehr, daß es den alten Medien zunehmend Beine macht.

Nächtliche Netzsurfer wußten als erste von den angeblichen Eskapaden des Präsidenten. Schon am Samstag, dem 17. Januar, berichtete die Online-Klatschkolumne "Drudge Report" abends, das Nachrichtenmagazin Newsweek habe in letzter Minute einen Bericht über den Skandal gekippt, um die laufende Untersuchung des Falls nicht zu gefährden. Die Nachricht verbreitete sich im Internet wie ein Fegefeuer, erreichte schließlich auch die Redaktionsstuben und TV-Studios. Doch Zeitungsleser und Fernsehzuschauer mußten noch bis Mittwoch morgen auf erste Berichte warten, als etwa die Washington Post damit aufmachte oder CNN auf Dauersendung ging. Daraufhin veröffentlichte auch Newsweek seinen Artikel - im Online-Dienst AOL.

Vor allem Printmedien müssen sich wohl daran gewöhnen, vom Netz abgehängt zu werden - nicht nur wegen seiner Schnelligkeit. Denn dort kann praktisch jeder für Pfennige Tausenden von Menschen Informationen zukommen lassen. Der "Drudge Report" ist dafür ein Musterbeispiel: Er ist das Produkt eines journalistischen Einzelkämpfers, der von seiner Wohnung aus operiert.

Der Dienst ist freilich auch ein Exempel für die Kehrseite des neuen Mediums. Wo Geschwindigkeit und Vielfalt regieren, leidet die Zuverlässigkeit. Diesmal lag sein Herausgeber Matt Drudge richtig, zumindest was den Rückzieher von Newsweek angeht. Doch wenige Wochen zuvor hatte er ein Gerücht in die Welt gesetzt, für das er sich jetzt vor Gericht verantworten muß: Ein Mitarbeiter von Clinton werde beschuldigt, seine Frau mißhandelt zu haben.

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