Am Timing hat's nicht gefehlt: Zwei Sportstücke am selben Wochenende, wie miteinander abgestimmt. Das eine Sportstück fand in Kitzbühel statt, das andere am Wiener Burgtheater. Das politische Österreich plus Medien - also "der gesamte Herr Bundeskanzler", wie Elfriede Jelinek sagen würde versammelte sich am Hahnenkamm, dem Ort, wo das Land als Skination alljährlich neu geboren wird. Und der kulturelle Rest des Landes strömte im Burgtheater zusammen, dem Ort, wo zur gleichen Zeit von derselben Elfriede Jelinek der Skination alle Sport-Tode an den Hals gewünscht wurden.

Hier die Streif, dort der Schleef. Hier die gebenedeite Abfahrt, wo's mit den Skihelden des Landes glorreich bergab gehen sollte. Dort, in Einar Schleefs Regie, die Uraufführung der vermaledeiten Jelinek, die ihrer Lieblingswut frönen wollte, dem Haß auf den Sport und auf jene, die ihn treiben, die Sportler. Welches Sportstück war das wahre? Das politische Sporttheater, das Nationalstück in Kitzbühel? Oder sein hämisches Wiener Gegenstück, das Mordstheater an der Burg?

Timing ist nicht alles. An diesem österreichischen Twin-Peak-Wochenende des Sports kam alles anders als gedacht. Es gab ein nationales Trauerspiel auf der Skipiste (Hahnenkammsieger wurde ein Italiener) und einen technischen K.o.-Sieg am Burgtheater: Schleef schlug Jelinek, mit Claus Peymann als Ringrichter. Geplant war das zwar nicht, aber man hätte sich's eigentlich denken können. "Machen Sie was Sie wollen. Das einzige, was unbedingt sein muß, ist: griechische Chöre." So die Regieanweisung der Autorin. Und schon war der Kurzschluß passiert und Einar Schleef engagiert, durchaus mit Jelineks Einverständnis.

Und der machte nun, was er wollte. Schließlich hat sich Schleef seinen Ruf als Exerzierzagel des deutschen Theaters redlich erarbeitet - keiner kann wie er Schauspieler-Ensembles in Marschkolonnen und Turnerriegen verwandeln, keiner sorgt wie er für szenische Truppendynamik und rhythmisches Stampfen, für Stakkato-Chöre und kollektiven, sprechmotorischen Drill. Alles, was man von ihm kennt, zeigte er auch in Wien, nur manierlicher. So gedämpft hat Schleef noch nie berserkert - mit Raimundscher Schwermut und Schubertscher Verhangenheit, mit Materialien aus Hofmannsthals "Elektra" und Kleists "Penthesilea". Amazonen in altrosa Krinolinen trillerten gellend ihre Kleist-Texte, weißseidene Rokokoschranzen fistelten ein Mozart-Duett, Brüderlein fein und Rosenkavalier machten die Honneurs, und die Antike, in Gestalt Achills, stakste auf güldenen Kothurnen herbei. Es war, als habe der alte Geist des Hauses, der anfangs leibhaftig auftrat, den Burg-Debütanten Schleef mit zarter Rücksicht angesteckt.

Indes: Am Uraufführungsabend begann das wirkliche Theater erst, als ihm ein Ende gemacht werden sollte. Kurz vor elf Uhr nachts, nach fast fünf Stunden Spieldauer, unterbrach der Regisseur die Chor-Exerzitien auf der Bühne, warf sich vor der Rampe auf die Knie und preßte dem Hausherrn Peymann in seiner Direktorenloge stotternd die Erlaubnis zum Weiterspielen ab, über das gewerkschaftlich garantierte 23-Uhr-Limit hinaus.

Daraufhin kurzes Schreiduell zwischen Parkett und Rangloge und die kurze Hoffnung der Zuschauer, dieser Zwischenfall könnte mitinszeniert sein: die Machtprobe zwischen dem Aufwiegler und Regie-Demagogen und einem bürokratischen Theaterapparat als witziges Interludium, als Peymann-Happening zum Schleef-Spektakel.