ZEITmagazin: Wie fühlt man sich als Schriftsteller, den Kritiker für einen der größten halten?

Javier Marías: Ich nehme dieses Lob nicht besonders ernst. Man hat mich auch schon den schlechtesten Schriftsteller aller Zeiten genannt. Das zu erreichen ist allerdings wirklich eine Leistung, denn von schlechten Schriftstellern, ob lebendig oder tot, gibt es eine ganze Menge.

ZM: Das Thema Ihres überall gefeierten Romans "Mein Herz so weiß" ist die Macht der Sprache über die Realität. In Ihrem neuen Buch "Morgen in der Schlacht denk an mich" schreiben Sie, die Welt hänge von ihren Erzählern ab. Glauben Sie das wirklich?

Marías: Natürlich. Erst wenn eine Tat oder eine Handlung bekannt geworden ist, ist sie abgeschlossen. Und es ist sehr wichtig, wie über sie berichtet wird. Es spielt keine große Rolle, was zuvor war. Erst mit dem Erzählen wird die Geschichte quasi vollendet.

ZM: Der Grund, warum die Hauptfigur Ihres neuen Romans, Víctor, die Geschichte erzählt, ist delikat. Auf der ersten Seite des Buchs beschreibt er, wie eine verheiratete Frau, die er eben kennengelernt hat, in seinen Armen stirbt, als er mit ihr schlafen will.

Marías: Glücklicherweise ist mir so etwas noch nicht passiert. Aber diese Sache ist gar nicht soweit hergeholt. Ich vermute, daß sich so mancher insgeheim schon einmal eine ähnliche Situation vorgestellt oder selbst die Ehe gebrochen hat.

ZM: Auch in "Mein Herz so weiß" stirbt gleich am Anfang ein Mensch: Eine junge Frau erschießt sich vor dem Badezimmerspiegel. Fasziniert Sie der Tod so sehr?

Marías: Es ist eher Zufall, daß meine beiden letzten Romane mit einer Todesszene beginnen. Die Szene aus "Mein Herz so weiß" entstammt dem wirklichen Leben. Vor vielen Jahren erschoß sich eine Cousine meiner Mutter kurz nach ihrer Hochzeitsreise. Niemand hat herausbekommen, warum sie das tat. Für mich war ihr Tod der Anlaß, eine überzeugende Geschichte zu erfinden. Der Tod in "Morgen in der Schlacht denk an mich" hingegen ist völlig frei erfunden.

ZM: Es kann doch kein Zufall sein, daß Sie sich gleich in zwei Romanen mit dem Tod beschäftigen.

Marías: Sicherlich ist der Tod eines der Themen, über die ich intensiv nachdenke. Als die Frau stirbt, ist sie halbnackt, schließlich waren sie und Víctor gerade dabei, sich auszuziehen, und wollten miteinander schlafen. Das hinterläßt natürlich einen unheimlichen Eindruck in Víctor: Ihm wird bewußt, daß er sie auch als Tote noch immer begehrenswert findet. Sie sieht ja noch genauso aus wie vorher.

ZM: Im Sterben sagt die Frau: "Alles wird ausgelöscht." Glauben Sie, der Tod ist das Ende von allem?

Marías: So stelle ich mir das vor. Der Gedanke gefällt mir zwar nicht, und es ist sicher eine Erleichterung, an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Das Schönste daran ist wohl der Gedanke an ein Wiedersehen mit den Menschen, die man geliebt oder gekannt hat. Aber ich glaube nicht daran. Und trotzdem mache ich mir viele Gedanken über den Tod. In unserer Gesellschaft setzen wir uns immer weniger mit ihm auseinander. Die Toten scheinen uns eher lästig zu sein. Sie werden aus dem Weg geräumt. Nur wenn ein Prominenter stirbt, wird viel Wirbel um ihn gemacht.