Seit dem 1. Januar läuft die Jubiläumsparty. Vor genau hundert Jahren wurden die fünf "Burgen" Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staten Island zusammengefaßt - zu einer mächtigen Apfelform, die seitdem Greater New York heißt. Bereits auf der Flughafenautobahn erzählt der russische Taxifahrer aufgeregt von den kommenden Paraden und Volksfesten, vom neuen Stadtgefühl und dem (wohl deshalb) gerade wiedergewählten Bürgermeister Rudolph Giuliani. Bevor die Hauptstadt des 20. Jahrhunderts den Pokal an Los Angeles weiterreicht, möchte sie also noch einmal ausgiebig ihre Reifung vom dreckigen Straßenkind zum reinlichen Frührentner feiern. Wer immer noch keine social security hat, wie unser Taxifahrer, wird wenigstens vom neuen Image seiner neuen Heimat in Sicherheit gewiegt.

Am Neujahrstag zeigt das Museum of Modern Art ein erstaunliches Artefakt der Edison Company, eine Filmschleife als Zeitschleife, fast so alt wie die große Stadt: "Interior NY Subway, 14th Street to 42nd Street". Gedreht mit Blick nach vorn, aus der Fahrerkabine eines U-Bahn-Zugs, rast der Film durch die hell-dunkel flackernde Röhre und taucht in einem längst verschwundenen Zwischenreich wieder ans Tageslicht - in der alten Times-Square-Station, wo die wartenden Immigranten und Passanten ihre Lumpen, Fracks und Krinolinenröcke raffen, um die Epochenschwelle zu übertreten.

Auch die zweite große Filmretrospektive in Uptown Manhattan träumt von New York, obwohl ihr Titel doch von Gallien spricht: "Das französische Kino auf Reisen". Die Schau im Lincoln Center erzählt den Weg des Films (und implizit den Weg moderner Kunst) als mehr oder weniger freiwillige Fahrt über den Atlantik. Als der französische Regisseur Jean-Pierre Melville im Jahr 1958 nach New York kam und hier den Film "Deux Hommes dans Manhattan" drehte, war er schon längst vom Vorrang des amerikanischen Kinos, der amerikanischen Kultur überzeugt. Deshalb zeigt er die Stadt nicht wie ein Tourist, sondern wie einer, der seine alte Heimat wiederfindet. Die Bilder vom Times Square, die in den Erzählfalten dieses seltsamen Krimis on location (und on speed) aufgehoben sind, gleichen jenen des Edison-Films. Die U-Bahn um 1900 und die berühmte, neonbewehrte Spielhalle Playland in Melvilles Film sind Stationen eines Passagenwerks fürs 20. Jahrhundert, in dem das Kino selbst die zeitliche Mitte darstellen dürfte.

Sodom und Gomorrha werden zum Familien-Entertainment

Das Playland, ein moderner Rummelplatz, wurde in den siebziger Jahren bezeichnenderweise zu einer der ersten "Video Arcades" umgebaut. Heute ist die Halle verschwunden, so wie die ganze Fassadenlandschaft in "Deux Hommes dans Manhattan". Das Areal um die 42nd Street und den Times Square, einst New Yorks Schauplatz für jegliche Art von Sex & Crime, ist ein bevorzugtes Testgelände für Bürgermeister Giuliani und die Disney Corporation: Wie rasch, wie schmerzlos, wie klinisch sauber können Sodom und Gomorrha in eine märchenhafte Entertainment-Passage für die ganze Familie verwandelt werden? Noch harren die Spielzeug-City, das Megaplex mit 25 Kinosälen und der Virtual-Reality-Dom ihrer Enthüllung, noch ist der sogenannte E-Walk nicht ganz fertiggestellt. Aber schon jetzt präsentiert er stolz seine drei Schein-Heiligen: Beauty, The Beast und den König der Löwen. Die New York Times hat ihren Segen bereits vierfarbig erteilt: "Disney goes Kunst". So gilt nun auch das Innenleben der 42. Straße als desinfiziert und das gesamte Broadway-Theater wieder als Zukunftsinvestition.

Als hätte es noch einer Metapher für diese rapide Entwicklung bedurft, stürzte am Morgen vor der Silvesterfeier ein altes Gebäude ein - ein Kino noch dazu, das Selwyn, dessen Fassade zwar als Denkmal geschützt, aber nur unzureichend gestützt war. Zum Glück stand das Selwyn lange schon leer. Wer heute am Times Square ins Kino gehen möchte, betritt statt dessen den Virgin Megastore. Dort steigt er, vorbei an CD-Regalen, Computerspiel-Konsolen, einer Buchhandlung und einer Videothek, drei Etagen hinab, wo die Kinosäle auf ihn warten und - im vorliegenden Fall - auch ein Film, der dieses ganze luftdichte Szenario näher erläutert. Wes Cravens "Scream 2" berichtet (wie schon "Scream 1") von der Identitätsfindung des Serienkonsumenten als Serienmörder. Nach dem Film in den Megastore zurückgespuckt, erblickt der Zuschauer in jedem kauffreudigen Kind den kaltblütigen Killer. Als kluge Pop-Variante von Michael Hanekes "Funny Games" demaskiert "Scream 2" aber noch die eigene Paranoia: Zynisch erklärt der Mörder, daß er sich vor Gericht mit dem neuerdings beliebten Argument verteidigen werde, er hätte ja nur in tumber Nachahmung von Gewaltfilmen getötet.

Neben all den schwerfällig titanischen Oscar-Kandidaten der Weihnachtszeit leuchtet dieser schlanke Blut-und-Hirn-Film doppelt bösartig. Dabei sind viele prominente Titel der Saison auffallend um Subtilität bemüht. Die knirschende Gerichtssaalmechanik von John Grishams Roman "The Rainmaker" gerät in Francis Ford Coppolas Inszenierung zu einer überraschend sorgfältigen Übung in Systemkritik. "The Rainmaker" führt einen jungen, idealistischen Anwalt vor, der "die Mächtigen" aus den Angeln hebt. Der Darsteller des Anwalts, Matt Damon, wird in New York schon als Entdeckung gepriesen. Sein zweiter Streich weist ihn als Doppeltalent aus: Er hat das Drehbuch zu Gus Van Sants neuem Film "Good Will Hunting" verfaßt und für sich selbst den Heldenpart reserviert - einen jungen Vorstadtproletarier, der als Naturgenie der Mathematik ins universitäre Rampenlicht gestoßen wird und daran, wie ein wildes Tier im Zoo, beinah zugrunde geht. Van Sants Blick auf Herz und Seele der verwirrten amerikanischen Jugend bannt Bild für Bild die Abnützungserscheinungen, die solchen Melodramen gewöhnlich innewohnen. Wer sich in "Amistad" an Steven Spielbergs totalitärer Idee von Menschlichkeit vergiftet hat, kann beim guten Will Hunting mit einer sachten Antikörper-Therapie beginnen.