Eigentlich wollte ich in Zimmer 310 übernachten. Aber der Tatort war ausgebucht. "Laura Stratton lag lang ausgestreckt auf dem Doppelbett. Sie trug einen bodenlangen pfirsichfarbenen Morgenrock und darunter (soweit Morse sehen konnte) so gut wie nichts. Und sie war tot." Leichen im Hotel sind für die Geschäftsführung immer eine Peinlichkeit. Laura Stratton aber war ein Glücksfall: eine amerikanische Touristin, auf höchstem Niveau gestorben, nämlich im "Randolph" in Oxford, auf Seite 29 von Colin Dexters Thriller "The Jewel That Was Ours".

Inspector Morse ist Englands Schimanski. Doch jeder Dexter-Krimi hat noch einen zweiten Star: Oxford und Umgebung. Seit Evelyn Waughs Roman "Wiedersehen in Brideshead" hat keiner den Mythos der englischen Eliteuniversität so populär gemacht wie Colin Dexter. Seine Mordgeschichten aus dem akademischen Milieu wurden Bestseller, die Fernsehfassungen ein Welterfolg in mehr als fünfzig Ländern (nur noch nicht in Deutschland). Im Sommer dreht ITV die 32. Folge, zur Freude der rund 750 Millionen Morse-Fans von Amerika bis Angola. Längst blüht in der Stadt der dreaming spires ein eigener Tatorttourismus. Denn es gibt keine spannenderen Oxford-Führer als Dexters Krimis. Fangen wir gleich im "Randolph" an, am besten in der "Chapters Bar".

Holzgetäfelte Wände, Polstersessel, viktorianischer Komfort. Hier erholte sich Morse vom Anblick der Leiche in Zimmer 310. Allerdings nicht bei Champagnercocktails wie "Alice in Wonderland" oder "Oxford Blue" (Wodka mit Curaçao), sondern bei Real Ale. "Für mich bitte dasselbe wie für Morse." Ailish zapft mir ein Bitter, wie es im Buch steht. "Dexter ist Stammgast, ich kenne ihn seit fünfzehn Jahren." Und dann erzählt mir Ailish, die irische Barfrau mit dem kastanienroten Haar, wie sie "Morse's greatest mystery" löste, das Geheimnis seines Vornamens. E. Morse, wie er sich zwölf Romane lang nannte, war mit dem obskuren Vornamen Endeavour gestraft, fand Ailish heraus und gewann damit den 1. Preis des "Randolph Hotels", ein Dinner mit Dexter.

Inspector Morse ist der ideale Detektiv für eine Nation von Kreuzworttüftlern. Eigentlich hatte er alte Sprachen studiert, im selben College wie Tony Blair, in St. John's, dem "Randolph" schräg gegenüber. Doch nach einer unglücklichen Liebe war er durchs Examen gefallen und bei der Polizei gelandet, ein gescheiterter Akademiker, der seinen Sergeant Lewis fortan mit Aristoteles und den Regeln der Rechtschreibung nervt, arrogant genug, auch seinen Vorgesetzten zu düpieren: "That's an Oxford crime, it needs an Oxford man to solve it."

Morse ist ein Außenseiter, der sich zwischen zwei Morden mit Versen von A. E. Housman über Wasser hält, ein alternder Junggeselle mit einer Vorliebe für Wagner, Faurés "Requiem" und Frauen mit prallen Brüsten. Doch serious sex kommt in diesen Krimis nicht vor sowenig wie Brutalität und Four-letter-words. Morse ist ein Oldtimer, nicht anders als sein roter Jaguar, ein englisches Erfolgsmodell aus einer Zeit lange vor Thatcher und Tony Blair. In einer Welt der alltäglichen Greuel geht Morse seinem Job nach, unbeirrt, ohne die Hoffnung, etwas zu ändern. Und wenn seine Kollegen ihn suchen, sitzt er meist in der "Chapters Bar" oder im "King's Arms". Jedenfalls nicht an am Schreibtisch im Revier der Thames Valley Police in Kidlington.

"Bei mir hätte Morse es nicht lange gemacht, drinking and driving", sagt Ted East. "Nach zwei Wochen hätte ich ihn gefeuert." Ted East war 27 Jahre lang Polizist und Detektiv in Oxford, zuletzt Polizeichef. "Und dann marshal", fügt er stolz hinzu: Zeremonienmeister und Sicherheitsbeauftragter der Universität. Die Probleme zwischen town and gown, Stadt und Uni, die Rituale und Ränke von Oxford kennt keiner besser als Ted East. Jetzt, als Rentner, hat er noch mehr zu tun: als Berater und Statist, nicht nur in Morse-Filmen, und als Oxfords bester tourist guide. Schon vor drei Jahren, noch vor dem Fremdenverkehrsamt, kam er auf die Idee mit den Inspector Morse Tours.

Wir stehen in der Broad Street, vor dem Sheldonian Theatre. In diesem barocken Kuppelbau finden die großen Zeremonien der Universität statt, Titelverleihungen, Konzerte, Vorträge von Prominenten. "Im Sheldonian haben Willy Brandt und Helmut Schmidt ihren Ehrendoktor bekommen", sagt Ted East. "Herr Kohl noch nicht." In Oxford ist man eben wählerisch. "Und hier fand das Attentat auf die Opernsängerin statt, der Schuß kam aus dem Fenster der Bodleian Library." Das war in "Twilight of the Gods", wo Ted den Proktor spielte und Sir Gielgud den falschen Hut trug. "Als Kanzler der Universität hätte er kein buntes Barett tragen dürfen, sondern einen schwarzen Samthut mit Goldquaste."