Planet Speersort: Vivat Ochs!

Abends in Basels stillen Gassen, da hört man es pfeifen und trommeln. Da üben in ihren Zunfthäusern die Alten und die Jungen für den Final des Offiziellen Preistrommelns und -pfeifens am 31. Januar im Großen Festsaal der Messe. Im Schaufenster des Bekleidungshauses Charles Vögele an der Falknerstrasse sind schon die Trophäen aufgebaut, reizvoll.

Denn, nicht wahr, das sollte man doch hierzulande bitte nicht vergessen, wenn ewiglich von der braven, friedlichen, diskreten, leise(treterische)n Schweiz die Rede ist: daß die noch eine andere Seite hat, zornig und lärmfroh und revollustig. Tinguely! Zum Beispiel. In dem Basler Museum, das seinen Namen trägt, trötet's den ganzen lieben grotesken Tag. Und vergangenen Mittwoch, dito in Basel, als im Museum der Kulturen am Münsterplatz die Ausstellung "Vive la République Helvétique" (allerdings ohne Ausrufezeichen) eröffnet wurde, da flötete die Museumsgrubbe munter ihre schrillen Märschchen dazu.

Eine geradezu musterhafte historisch-politische Ausstellung, das muß man den alten Musterknaben da unten lassen. Sie erzählt die Geschichte der Helvetischen Republik, geschaffen vor zweihundert Jahren unter dem Eindruck der 89er-Wende (wie man hierzulande so was nennt) in Frankreich, als die Stände-Schweiz unterging und ein moderner Verfassungsstaat ins Werk gesetzt wurde. Doch das Unternehmen, das in Basel aus freiem Entschluß begonnen worden war, geriet unter die Räder der französischen Expansion und alles, was nach der Ausrufung der Republik (am 12. April 1798 in Aarau) geschah, in den Ruch der Kollaboration. Heillose Streitereien waren die Folge, bis Napoleon 1803 die Machtfrage entschied und die neue Schweiz in vielem wieder die alte sein ließ.

Kleines Ende eines großen Experiments, traurig gerade auch für Peter Ochs (1752 bis 1821), den Juristen, Historiker, Staatsmann, den Menschenrechtler. In Nantes geboren, in Hamburg aufgewachsen, hatte er in Paris die neue Verfassung geschrieben, inspiriert von den Franzosen, inspiriert von Benjamin Franklin. Dessen Ideen für Amerikas Verfassung finden wir in der Ausstellung - 1784 überreicht an "Pierre Ochs". Und ein paar Räume weiter: die "Republikanische Verfassungs-Urkunde, wie sie in Deutschland taugen möchte", der erste deutsche Verfassungsentwurf, 1798/99 in Basel gedruckt.

Ja, davon hatten sie geträumt, Jägerschmid und Bärstecher und die anderen deutschen Jakobiner: von einer helvetisch-schwäbischen Republik, die ganz Deutschland mitreißen sollte ...

Wäre schön gewesen.

Die Schweiz ging den mühsamen Weg alleine weiter, bis zu ihrer Verfassung von 1848, die in diesem Jahr natürlich heftig gefeiert wird. Die "Helvetik" mögen die Schweizer weniger, zitieren dann den heiligen Jacob Burckhardt, der sich nicht entblödete, "Ochs und Consorten" aufs trübste zu schmähen - wie ja auch hierzulande die allerersten Wurzeln unserer Demokratie, die Mainzer Republik, die konstitutionellen Zirkel der Cisrhenanen, gern abgetan werden. Oder sollte sich Köln eines Tages doch noch seines Christian Sommer erinnern wie Basel Peter Ochs?

Planet Speersort: Vivat Ochs!

Hier gibt es jetzt eine Peter-Ochs-Gesellschaft, hier gibt es den Christian Merian Verlag, der einen ganzen Schwung Helvetik-Bücher herausgebracht hat, und hier gibt es den unerschöpflichen Markus Kutter, Historiker, der auch hinter dieser fabelhaften Ausstellung steckt, die noch bis zum 31. Mai zu sehen ist. Und die allen, inkl. den Besuchern des großen Basler Preistrommelns und -pfeifens, sehr empfohlen sei!