Der Urknall ereignete sich vor zehn Jahren. 1988 veröffentlichte ein wenig bekannter Astrophysiker ein Buch mit komplizierten Überlegungen zum Wesen der Zeit und des Universums - normalerweise ein Werk, das allenfalls Spezialisten interessiert. Doch dem Autor gelang eine populäre Darstellung; zudem würzte er seine physikalischen Theorien mit persönlichen Ansichten über Gott und die Welt. Und schließlich litt er an einer unheilbaren Krankheit und schien todgeweiht. Der Erfolg war nahezu unausweichlich: Die Bilder des an den Rollstuhl gefesselten Stephen Hawking gingen um die Welt, und seine "Kurze Geschichte der Zeit" wurde zum erfolgreichsten Wissenschaftsbestseller aller Zeiten.

Seither macht sich auf dem Sachbuchmarkt ein neues Genre breit. Science goes market. Wissenschaftliche Bücher werden zur Massenlektüre. Und mancher Sachautor wird mittlerweile ähnlich hoch gehandelt wie die Starschreiber der Literatur. Wissenschaft, so die neue Erfolgsformel, erklärt nicht nur Fakten, sondern verspricht auch Sinn und Deutung. Woher kommen wir, wohin gehen wir, weshalb gibt es etwas und nicht nichts? Antwort darauf geben kosmologische Theorien oder die Erkenntnisse der Hirnforschung. Schon kursiert der Begriff der "dritten Kultur", deren Vertreter glauben, das moderne Weltbild bestimmen zu können (siehe unten).

Mit dem wissenschaftlichen Sachbuch alten Stils haben solche Welterklärungsversuche wenig gemein. Waren die Werke der Gelehrten früher Horizonterweiterung für das Bildungsbürgertum - etwa Theodor Mommsens "Römische Geschichte" -, so haben sich heute nicht nur die "gebildeten Stände" selbst gewandelt, auch ihr Lesestoff ist ein anderer. Populäre Sachbücher wie Hawkings kurze Zeit-Geschichte verknüpfen die sachliche Darstellung bestimmter Fachgebiete mit, zuweilen gewagten, philosophischen Spekulationen. Auf diese Weise machen sie zugleich den Geisteswissenschaften das angestammte Monopol streitig; Erklärungskompetenz in Sachen Geist beanspruchen heute auch Neurobiologen und Hirnforscher, ja selbst Physiker, die versuchen, anhand ihrer Naturgesetze den Lauf der Welt zu deuten.

So anmaßend dieser Anspruch auch erscheinen mag: Seine Vermarktung zahlt sich aus. Kaum jemand versteht sich darauf besser als der New Yorker Literaturagent John Brockman, der die Rechte von etwa 400 Autoren vertritt, darunter 150 Wissenschaftlern. Soeben hat er seinen neuesten Coup gelandet: Mit dem Penguin-Verlag handelte er den bisher höchsten Lizenzvertrag für ein Buch aus, von dem es noch kein einziges beschriebenes Blatt Papier gibt. "The blank slate", das unbeschriebene Blatt, heißt treffenderweise das noch zu verfassende Werk des amerikanischen Neurowissenschaftlers Steven Pinker, das bislang lediglich als elektronisches proposal existiert. Via Internet bot es Brockman den Verlagen an, garniert mit vagen Angaben zu Umfang (75 000 bis 150 000 Wörter) und Erscheinungsdatum (zwischen dem Jahr 2000 und 2001), und versteigerte es meistbietend für über 500 000 Dollar.

Nicht alle Verlage werden mit ihren teuer eingekauften Sachbuchstars glücklich. Ein Flop wurde etwa vor einigen Jahren ein Werk des Physiknobelpreisträgers Murray Gell-Mann. Der geniale Theoretiker sollte die moderne Komplexitätsforschung beschreiben und eine allumfassende Synthese des heutigen physikalischen Wissens liefern. In Amerika gingen die Buchrechte für 550 000 Dollar an den Bantam-Verlag; zusätzlich verkaufte Brockman für eine Million Dollar Lizenzen ans Ausland. Doch dann erwies sich der hochbegabte Physiker als höchst mäßiger Schreiber. Trotz Mithilfe mehrerer Ghostwriter lieferte er nur einen Teil des abgesprochenen Textes, den Bantam nicht akzeptierte. Gell-Mann mußte seinen Vorschuß zurückzahlen, und Brockman verkaufte die Rechte erneut an den W. H. Freeman Verlag, diesmal für 50 000 Dollar. Ein Kassenrenner wurde der Titel "Das Quark und der Jaguar" allerdings nie.

Symptomatisch für Brockmans Arbeitsstil ist die Geschichte des Buches "Wrinkles in Time": 1992 fiel dem Agenten in Japan auf dem Weg zum Flughafen an einem Zeitungsstand eine Schlagzeile ins Auge, die von sensationellen Ergebnissen bei der Erforschung des Universums kündete. Brockman stürmte in die Flughafenhalle und überzeugte per Telephon George Smoot, den Leiter des Experiments, daß dies der optimale Zeitpunkt für einen Bestseller sei und er sofort ein Exposé verfassen solle. Als Brockman Stunden später in den USA landete, lag das Fax von Smoot vor, Brockman überarbeitete es, und zwei Tage nach der kosmologischen Schlagzeile hatten sechzig Verleger in zwölf Ländern Smoots Entwurf auf dem Tisch.

"Geschäft ist für mich Theater", gestand der rührige Agent einmal einem New Yorker Magazin. Schon in den sechziger Jahren zählte Brockman zur Avantgarde, war mit John Cage und Andy Warhol befreundet und organisierte das erste New Yorker Multimedia-Happening. In den siebziger Jahren, zu Beginn des New Age, begann er seine Agententätigkeit mit Büchern von Gregory Bateson, Fritjof Capra oder dem Delphinforscher John Lilly. Heute ruft Brockman die dritte Kultur aus und erklärt die Wissenschaft selbst zum Happening. "Was ist falsch daran, wenn ein Evolutionsbiologe so viel verdient wie ein Rockstar?"