Man hört sie in den Chefetagen der Republik alle schon wieder empört fragen: Wie konnte Edzard Reuter, um Gottes willen, so etwas tun? Überhaupt, ein Buch zu schreiben, darin noch lebenden Exkollegen vors Schienbein zu treten, gar das eigene Nest zu beschmutzen - nein, so etwas tut man doch nicht. Wenn man schon so ruhmlos von Bord gegangen ist, dann schweigt man, basta!

Die ihm angelastete Schmach, das Flaggschiff der deutschen Wirtschaft beinahe auf Grund manövriert zu haben, konnte ein Mann seines Stolzes aber wohl nicht einfach auf sich sitzen lassen. Bis die Geschichte ihm mit seiner Vision eines "integrierten Technologiekonzerns" irgendwann einmal Gerechtigkeit widerfahren lassen werde - so lange wollte der frühere Chef des größten deutschen Industriekonzerns nicht warten. Reuter hat wohl vorausgesehen, daß sich die Medien vor allem auf den Teil seiner Memoiren spitzen würden, in dem sie die "bittere Abrechnung" (Spiegel) mit seinen zahlreichen Kritikern witterten. Seine Hoffnung, der eine oder andere möge seine subjektive Darstellung des Konzernumbaus bei Daimler-Benz nicht als "blutlosen Versuch einer wohlfeilen Rechtfertigung von Irrungen und Wirrungen mißverstehen", deutet jedenfalls darauf hin. Doch schon der Titel - "Schein und Wirklichkeit" - läßt keinen Zweifel daran aufkommen, welches seine zentrale Botschaft ist.

Attraktive Posten bei Volkswagen, Lufthansa und Veba ausgeschlagen

Der im türkischen Exil aufgewachsene, einem liberalen Elternhaus entstammende "rote" Reuter und der lange von Erzkapitalisten wie Flick und Quandt zusammen mit der Deutschen Bank beherrschte Konzern mit seiner Mischung aus schwäbischer Biederkeit und autoritärem Führungsgehabe - wie paßte das, so fragt man sich immer wieder, so lange zusammen? Man fragt sich dies, wenn Reuter von den peinlichen Kasinowitzen berichtet, die sein erster Chef Joachim Zahn über den einstigen Emigranten Willy Brandt nach dessen Wahl zum Bundeskanzler machte oder wenn er die aus nächster Nähe beobachteten Machtspiele im Vorstand schildert, jener "gemischten Raubtiergruppe ohne Dompteur", so der damalige Aufsichtsratschef Franz Heinrich Ulrich. Oder wenn er sich mit der Frage Ulrichs nach seiner Einstellung zum Prinzip der freien Marktwirtschaft vor der Berufung in den Vorstand 1972 konfrontiert sah?

Edzard Reuter, der Dünnhäutige, hat all diese Tiefschläge, die offenen wie versteckten Demütigungen mit großer Geduld ertragen. Und dies, obwohl ihm vor allem in der Zeit der sozialliberalen Koalition attraktive Positionen bei VW, Lufthansa und Veba angeboten wurden. Warum er all diese Offerten ausschlug, warum er gerade da ausharrte, wo er sich von Zweiflern und Gegnern umstellt sah? Vielleicht, so analysiert er in einer Art Zwiesprache mit sich selbst, durch die "ganz eigene Art von Ehrgeiz", die "Zähne zusammenzubeißen", mit widrigen Entscheidungen fertig zu werden, "ohne dich innerlich korrumpieren zu lassen".

Es sich und den anderen zu zeigen, daß man sich selbst in den unwirtlichen Gefilden Untertürkheims nach ganz oben vorarbeiten kann - vielleicht liegt hier der eigentliche Schlüssel zum Verständnis für Reuters sehnlichen Wunsch, es bei Daimler-Benz und nirgendwo anders sonst zu schaffen. Daß er sein Ziel mit 59 Jahren gerade noch erreichen konnte, hatte er Alfred Herrhausen zu verdanken, der 1985 an die Spitze des Aufsichtsrates trat und mit der vorzeitigen Entlassung von Werner Breitschwerdt zwei Jahre später den Stuhl für Reuter frei machte. Beide, der aus der Energiewirtschaft stammende Quereinsteiger der Deutschen Bank und der Intellektuelle mit dem SPD-Parteibuch, waren mit ihrer Neigung zu rhetorisch medienwirksamer Selbstdarstellung eher respektierte als geliebte Außenseiter. Durch die Ermordung des Bankmanagers im November 1989 verlor Reuter seinen mächtigen Beschützer, mit dessen tatkräftiger Unterstützung er das ehrgeizige Projekt des Konzernumbaus verwirklichen konnte.

Herrhausen, der nach dem Tode von Gerhard Prinz gerne selber Daimler-Chef geworden wäre, nimmt Reuter denn auch ausdrücklich von seinem gegen die Banker gerichteten Vorwurf aus, für ihre Rolle als Aufsichtsräte in Industrieunternehmen nur höchst unzureichend qualifiziert zu sein. Viele Bankiers verwechselten "jenes Hörensagen, das ein unverzichtbarer Bestandteil ihres eigenen Metiers ist, mit den wohlbegründeten Kenntnissen, die erforderlich sind, um daraus Beurteilung und Rat abzuleiten". Ein so harsches Urteil überrascht nicht, waren es doch vor allem die Bankenvertreter mit Herrhausens Nachfolger Hilmar Kopper an der Spitze, die Reuter 1995 den geplanten Wechsel auf den Chefsessel des Aufsichtsrates verstellten.