Blitzlichter, Reden, Gepränge und Getue: Am 29. Januar treffen sich zwölf Raumfahrtminister aus aller Welt in Washington, um das Abkommen über die Internationale Raumstation zu unterzeichnen. Und schon im Juni soll eine russische Protonrakete den ersten Baustein der Station ins All tragen.

Das Jahr der Neumond-Partei hat begonnen.

"Die Neumond-Partei" heißt eine Kurzgeschichte des nordamerikanischen Erzählers T. Coraghessan Boyle. Darin schlägt ein Präsidentschaftskandidat seine Mitbewerber, indem er die Installation eines künstlichen Mondes zum Regierungsprogramm erhebt. Triumphalismus und Big Business fegen alle Hindernisse beiseite, und tatsächlich, die Erde bekommt einen neuen Mond.

In der Wirklichkeit trägt der künstliche Mond den Namen Alpha. Die Raumstation soll bis zum Jahre 2003 im All zusammenmontiert werden. Dann sind, alles in allem, etwa vierzig Milliarden Dollar ausgegeben; es folgt eine zehnjährige Betriebszeit, die ebenfalls viel kosten dürfte. Das Gebilde, größer als ein Fußballfeld, wird sechs Astronauten beherbergen. Und wozu das Ganze?

Schwer zu sagen. Dan Goldin, Chef der US-Raumfahrtbehörde Nasa, argumentiert zur Zeit vornehmlich mit neuen Medikamenten, die in der Schwerelosigkeit (genauer: Mikrogravitation) entwickelt werden könnten. Tatsächlich lassen sich im All größere Proteinkristalle züchten als auf der Erde, was die Analyse erleichtert. Viel gebracht hat diese Art Forschung, die seit Jahren in amerikanischen und russischen Raumlabors betrieben wird, bisher allerdings nicht. Gleiches gilt für die Entwicklung neuer Materialien, die ebenfalls gerne für Alpha ins Feld geführt wird. Astrophysik und Erdbeobachtung lassen sich ohnehin besser mit Satelliten betreiben, und als Raumbahnhof oder Montagehalle kommt Alpha nicht mehr in Betracht, seit die Forschung unter Mikrogravitation propagiert wurde: Alles, was die Station erschüttert, stört die empfindlichen Experimente.

Nun waren wissenschaftliche Zwecke sowieso nie ausschlaggebend für die bemannte Raumfahrt. Stets diente sie der politischen Symbolik sowie dem Geschäft der Raumfahrtindustrie. Und da sie Bürokratie voraussetzt, dient sie zugleich bürokratischen Zwecken - nach dem Gesetz der Rückkopplung. Schon Wernher von Braun, Raketenmann der Nazis und später Raumfahrtchef der USA, plädierte für Raumstationen. Er wußte sehr gut: Sind sie erst einmal oben, dann müssen sie auch genutzt und intakt gehalten werden. Raumstationen sind eine Garantie für kostspielige Raumfahrtprogramme.

Ende 1983 hatte die Nasa die Industrie und den US-Präsidenten Ronald Reagan für den Bau einer Station gewonnen. Doch 1986 explodierte die Challenger, die Nasa geriet in eine tiefe Krise, und schließlich verpuffte auch noch der Kalte Krieg, der ein starkes Motiv für Symbole im All geliefert hatte. Das Projekt überlebte dennoch. Nun sollte es die Führungsposition der US-Industrie auf dem Gebiet der Weltraumtechnik sichern. Als genialer Schachzug erwies sich die Einbeziehung der Russen ins Programm: Sie müssen die Raumfahrt, ihren Stolz, nicht aufgeben, sind aber in Zukunft nur mehr Juniorpartner der USA. Die Raumstation wird zum Sinnbild der amerikanischen Suprematie in der "Neuen Weltordnung". Europa beteiligt sich aus außen- und wirtschaftspolitischen Gründen: Nur wer mit den USA kooperiert, kann mit ihnen konkurrieren.