Yasmina tritt scheu, in Kopftuch und traditionellem rotem Gewand aufs Podium des riesigen Mutualité-Auditoriums in Paris. Sie ist so dicht verschleiert, daß man nur ihre dunklen und furchtsamen Augen sieht. Sie ist Schäferin, und man hat sie bis nach Paris geflogen, damit sie ihre Geschichte dem tausendköpfigen Publikum vor ihr erzählen kann.

Die Versammlung wurde von französischen Intellektuellen (André Glucksmann, Bernard-Henri Lévy) und Politikern (Brice Lalonde, Robert Badinter und Jacques Lang) mit dem Ziel initiiert, daß Europa etwas unternimmt, um das Morden in Algerien zu beenden. Flammende Reden werden gehalten: Am Rande Europas geschähen Verbrechen gegen die Menschlichkeit Europa solle nicht mehr sagen, die algerische Regierung sei so schlimm wie die Terroristen.

Nicht die Regierung, die Bewaffneten Islamischen Gruppen seien für die Massaker verantwortlich. Alle sind sie wohlgesetzt, am überzeugendsten aber klingen die Worte Yasminas.

Die Männer, sagte sie, hätten sie eines Nachmittags überfallen, als sie allein mit ihren Schafen auf dem Feld war. Sie hätten ihr den hejab heruntergerissen und sie damit gefesselt. Sie habe gesagt: "Habt ihr denn keine Furcht vor Gott?", worauf sie sie in die Berge verschleppten. Als sie sie zu ihrem Emir brachten, habe der gesagt: "Warum habt ihr mir denn die gebracht? Die hat doch graue Haare." In den folgenden drei Tagen habe jeder einzelne der Männer im Lager, insgesamt fünfzig, sie vergewaltigt. Auch der Emir.

Nach drei Wochen konnte sie im Dunkeln entwischen, als ihre Peiniger schliefen. "Ich bin acht Stunden gerannt. Meine Füße waren blutig. Nur Gott war mit mir." Als sie die nächste Polizeistation erreichte, hielten die Polizisten sie für verrückt, weil ihr Kopf unbedeckt war und ihre Kleidung nur aus verdreckten Lumpen bestand.

Die Männer, die ihr das angetan hatten, seien nicht von der Regierung, beteuert sie, sondern von der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA). Sie behaupten, für den Islam zu sprechen, doch Yasmina sagt: "Das ist nicht unser Islam." Ihr Glaube könne für diese Scheußlichkeit nicht verantwortlich sein.

Dieser Gedanke wäre unerträglich.

Als sie endet, verläßt sie das Podium mit einer bewaffneten Eskorte. Sie wird gegen Vergeltungsmaßnahmen geschützt. Die GIA hat Zellen in Paris und anderen europäischen Hauptstädten, darunter Berlin und London.

Die algerische Regierung räumt ein, daß 26 000 Bürger während der vergangenen sechs Jahre ermordet worden sind Menschenrechtsorganisationen in Algerien fürchten, die Zahl könnte sogar 80 000 betragen. Niemand kennt die genaue Zahl. Die Massaker begannen, nachdem die Regierung die Wahlen von 1992 annulliert hatte, die die islamische FIS nahezu sicher gewonnen hätte. Dörfer werden nachts aus den Bergen angegriffen. Das Gemetzel ist primitiv: Beile, Streitäxte und Messer sind die bevorzugten Waffen. Und es ist gründlich.

Wenige Zeugen überleben. Die Armee kommt offenbar nie rechtzeitig die Polizei bleibt in den Kasernen. Die Dörfler flehen die Armee an, ihnen Waffen zu geben, damit sie sich verteidigen können. Die Waffen kommen zu spät. Die Überlebenden sagen, daß die Regierung sie im Stich gelassen hat. Sie gestehen, die Männer zu kennen, die ihre Familien ermordet haben.

Oft stammen die Mörder aus der unmittelbaren Umgebung. Es ist ein Gemetzel unter Nachbarn, Dorf gegen Dorf, Klan gegen Klan, Familie gegen Familie. Im Mutualité erzählt ein weiterer Überlebender eine typische Geschichte. Ein Junge aus einem Dorf schließt sich einer Miliz an, weil es keine andere Arbeit gibt und weil ihm das Heil versprochen wird. Schon bald soll er junge Frauen töten, mit denen er zur Schule gegangen ist. Als er sich weigert, wird er getötet, seine Schwester wird verschleppt und vergewaltigt. Getötet wird im nächsten Umfeld, man kennt sich, und die Logik von Rache, Vergeltung und Terror reproduziert sich wie ein Virus.

Wenn man genau hinsieht, das einzelne Dorf wie unter dem Mikroskop betrachtet, erblickt man eine Gewaltepidemie ohne Schema. Ändert man den Ansatz und betrachtet das ganze Land, schält sich das Schema heraus. Man erkennt ein Gewirr miteinander konkurrierender islamischer Milizen, die weniger von einer Befehlskette als lose von einer Doktrin zusammengehalten werden und deren Ziele der Sturz der algerischen Regierung und die Errichtung eines fundamentalistischen islamischen Staats sind.

Ein islamischer Staat auf der anderen Seite des Mittelmeers erschreckt die Franzosen. Denn Algerien ist ein lebenswichtiger Teil Europas. Fünfundzwanzig Prozent des in Europa verbrauchten Erdgases kommen von dort. Seit über fünf Jahren schwankt die französische Elite zwischen der Hoffnung, die Regierung möge durchhalten, und Überlegungen, was zu tun sei, wenn sie stürzt. Wenn sie stürzt, könnte es im Mittelmeer Boat people geben, die nach Marseille unterwegs sind.

Was also tun? Die Europäer predigen immer den Dialog, aber führt man einen Dialog mit Männern, die Schäferinnen wie Yasmina vergewaltigen? Glaubt denn jemand, daß die GIA damit aufhört, Leute abzuschlachten, wenn die Regierung sich entschließt, mit ihr zu reden? Anfangs glaubten die französischen Intellektuellen, die Islamisten seien im Recht, weil die Regierung die Wahlen annulliert hatte. Heute sind die meisten Algerienkenner zu einem unerquicklichen Schluß gelangt: Ein Sieg der islamischen Gruppierungen werde ganz Algerien zerstören. Europa müsse eine "bewaffnete Lösung" des algerischen Konflikts unterstützen. Doch mehr als jedes andere Volk Afrikas haben die Algerier ihre Erfahrungen mit der Kluft zwischen dem, was die Europäer sagen, und dem, was sie tun, zwischen der europäischen Sprache der Menschenrechte und der realen Praxis des imperialistischen Kampfs Frankreichs gegen die Aufständischen während der Jahre seiner schwindenden Herrschaft in Algerien. Die Schuldgefühle wegen der imperialistischen Vergangenheit Frankreichs sollten jedoch keinen Europäer schweigen lassen. Doch würden die Algerier uns zuhören? Wahrscheinlich nicht.

Algerien wird nicht das erste Land sein, bei dem die europäischen Mächte eine korrupte, autoritäre Diktatur überhaupt keiner Autorität vorziehen müssen. Es ist allerdings beunruhigend, eine Regierung zu unterstützen, der die Interessen ihres Volks so fremd geworden sind, daß sie ihre Ölfelder offensichtlich wirksamer schützt als ihre Dörfer und die selbst den Vereinten Nationen Zugang zu den Schauplätzen der Massaker verweigert.

Dennoch gibt es keine glaubwürdige Strategie für eine direkte Intervention.

Die europäische Bilanz bei der Hilfeleistung für unsere Mitmenschen ist kein Ruhmesblatt. Zweimal in der jüngsten Vergangenheit haben die Menschen in zerbrechenden Staaten die Europäer um Hilfe gebeten. Eine Intervention 1993 in Ruanda war einfach. In Bosnien bat die kampfbereite muslimische Regierung uns um Hilfe. In beiden Fällen unternahm Europa nahezu nichts. Wie wahrscheinlich ist es also, daß Europa etwas unternimmt, wenn der zur Debatte stehende zerbrechende Staat sogar die Unterstützung verweigert, die ihn vor dem eigenen Untergang bewahren könnte? Immerhin handelt es sich um einen Staat, der über genügend Ölreserven verfügt, um überleben zu können. Es ist sinnlos sich vorzumachen, wie Europa es immer hält, daß die Amerikaner bestimmt helfen, wenn es zum Schlimmsten kommt. Anders als in Bosnien werden die Amerikaner diesmal keinen Finger rühren.

Europa wird diesmal also allein handeln müssen, und da Frankreich dafür zu sehr in seine imperialistische Schuld verstrickt ist, wird alles weitere von Deutschland und Großbritannien abhängen. Nichtstun bedeutet zuzusehen, wie an den Grenzen Europas Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden.

Was ist also möglich? Unter Berücksichtigung des Rechts auf Asyl sollten wir jeden ausweisen, der bei uns Zuflucht sucht und gleichzeitig Waffen kauft oder andere zu Greueln in Algerien aufhetzt. Das ist der einfache Teil. Der schwierigere ist es, die algerische Regierung unter Dauerdruck zu setzen, damit sie den Repressalien gegen die wenigen, aber mutigen säkularen Demokraten ein Ende setzt, damit sie die Dorfbewohner selbst beschützt, damit sie bei der Bekämpfung der Terroristen die Menschenrechte beachtet und vor allem damit sie Beobachtern von außen ungehinderte Bewegungsfreiheit gewährt.

Als letztes Mittel müssen wir vielleicht den Gashahn abdrehen, das heißt, wenn wir den Boykott so austarieren können, daß wir die Regierung zu verantwortlichem Handeln anregen, ohne ihren Sturz herbeizuführen.

Es gibt praktische Gründe dafür, daß eine Intervention in Algerien schwierig ist. Zusätzlich gibt es auch noch kulturelle Hindernisse in unseren Köpfen.

Erst werden die Europäer in Bosnien, nun in Algerien gebeten, Völker zu retten, deren Religion sie zutiefst beunruhigt. Im Mutualité beschwor der Großmufti von Marseille die Zuhörer, so wie auch Yasmina es getan hatte, die Schuld nicht beim Islam zu suchen. Der Koran könne für Vergewaltigungen und Metzeleien nicht mehr verantwortlich gemacht werden als das Evangelium für die Bartholomäusnacht oder die Inquisition. Wahr aber ist gleichwohl, daß verfälschte Versionen des Korans den Heiligen Krieg gegen säkulare Regierungen wie die in Algier predigen. Ohne den Islam gäbe es keine Ideologie, die den Terror stützte.

Also sind wir in Europa aufgefordert, die Muslime vor dem Islam zu retten.

Der Islam ist nicht mehr der alte Feind in der Ferne. Er lebt bei uns im Haus. Zwanzig Millionen europäische Mitbürger bekennen sich zu diesem Glauben und leben friedlich unter uns. Wir können nicht von ihnen erwarten, an unsere Werte - Toleranz, Trennung von Religion und Politik - zu glauben, wenn wir nichts unternehmen wollen, um sie vor den Angriffen ihrer Feinde von innen wie von außen zu schützen. Yasmina bat um nichts mehr, aber auch um nichts weniger, als vor einer alptraumartigen Pervertierung ihres Glaubens geschützt zu werden. Wir sollten ihren Glauben - auch den unseren - so weit respektieren, daß wir ihr helfen, so gut wir können.

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld