Der Genossenschaftsgedanke, so feierte Firmenvorstand Werner Blum sein Unternehmen, "erlebt in Deutschland eine Wiedergeburt". Das war vor gut zehn Jahren. Die Konsumgenossenschaft Dortmund e. G. war gerade mit ihrer Schwester in Kassel zusammengegangen und als co op Dortmund-Kassel e.G. zur größten Konsumgenossenschaft Europas aufgestiegen.

Eine unendliche Erfolgsgeschichte, wie es schien. Während andere Konsumgenossenschaften unter dem Dach der Frankfurter co op AG Rettung vor dem Ruin suchten, um doch Ende 1988 in die Pleite zu gehen, wuchsen die Dortmunder jahrelang mit zweistelligen Raten. Gemeinsam mit dem Konsum Schleswig-Holstein übernahmen sie 1990 sogar 180 Läden der co op AG in Hamburg, 1992 kamen noch 61 Läden der sächsischen Konsumgenossenschaft in Zwickau hinzu. Co op Dortmund-Kassel war ganz oben: 550 000 Mitglieder, vier Milliarden Umsatz wurden angepeilt, elf Prozent Dividende ausgezahlt.

Nun stehen auch die Dortmunder vor dem Aus. Mißmanagement und die Marktentwicklung leiteten die Wende ein - fast unbemerkt von Aufsichtsrat und Öffentlichkeit. 1994 fielen allein in Hamburg und Sachsen 10 Millionen Mark Verlust an. Vergangenes Jahr schrammten die Dortmunder knapp an der Zahlungsunfähigkeit vorbei, mit einer Landesbürgschaft über 50 Millionen Mark wurde dem Vorstand ein Controller ins Haus gesetzt. Der bereits vom genossenschaftlichen Prüfungsverband testierte Jahresabschluß 1996 mit 3 Millionen Mark Gewinn wurde revidiert - ein Verlust von 58,8 Millionen Mark wurde statt dessen ausgewiesen. Die bereits ausgeschüttete Dividende muß zurückgezahlt werden. Eine Rettung war aussichtslos.

Bis April verschwinden die co-op-Logos von rund 200 Läden der Konsumgenossenschaft Dortmund-Kassel, zum Jahresende werden die letzten 55 Läden geschlossen, die Konsumgenossenschaft wird anschließend liquidiert.

Knapp 500 000 Genossenschaftler bangen um ihre Anteile, mehr als 400 der gut 13 000 Mitarbeiter haben bereits ihre Kündigung in der Tasche. Das Modell, mit einer basisdemokratisch aufgebauten Handelsgesellschaft den Marktriesen Aldi, Rewe oder Tengelmann Paroli zu bieten, ist endgültig gescheitert. Aber anders als beim Ende der ehemaligen Frankfurter co op AG scheint sich das Dortmunder Management nicht persönlich bereichert zu haben.

"Wie konnte es zu dieser katastrophalen Situation kommen, und wer ist dafür verantwortlich?" Das fragt sich nicht nur Genossenschaftler Volker Birke aus Bergkamen. Er hat bereits 2200 Mitglieder für die "Interessengemeinschaft co op-Anteilseigner" geworben, die Licht in die Firmenpleite bringen will.

Schließlich droht der Verlust der eingezahlten Geschäftsanteile. Mitglieder beim Konsum sind traditionell "kleine Leute". Auch wenn sie im Durchschnitt nur wenige hundert Mark einbrachten, der Verlust tut ihnen weh. Doch die Aussichten sind schlecht. In den kommenden fünf Jahren wird der Konsum abgewickelt. Erst dabei stellt sich heraus, was für die Genossen in der Kasse übrigbleibt. Für 1997 prognostizierte der Controller bereits einen Verlust von gut 178 Millionen Mark. In diesem Jahr soll der Verkauf des Ladennetzes an die Edeka, die 148 co-op- und 29 Hamburger pro-Läden übernimmt, des Fünfzigprozentanteils von Plaza an Allkauf sowie des restlichen Ladennetzes die Bilanz schwarz färben. Wieviel der Ausverkauf nach Abzug aller Forderungen und Sozialplanverpflichtungen bringt, ist offen. Konsum-Chef Franz Malv hält sich bedeckt: "Ich müßte Hellseher sein, wenn ich den genauen Prozentsatz der Rückzahlungen kennen würde."