Oft sind es gerade die kleinen Veränderungen der öffentlichen Rede, die den tiefgreifenden Wandel ankündigen. Von der "Verantwortung für die Schönheit der Stadt" sprach der Berliner Stadtentwicklungssenator Peter Strieder bei der Eröffnung einer Ausstellung, in der die Zwischenbilanz einer einjährigen Arbeit mit dem "Planwerk Innenstadt" vorgestellt wurde. Noch vor Jahren wäre das Wort von der Schönheit der Stadt ein Tabubruch und Nachweis höchster Inkompetenz gewesen. Schließlich galt Stadtplanung als eine Art höherer Sozialpolitik, die die Einwohner-Bedürfnisse nach Verkehr, Sicherheit, Licht, Luft und Sonne funktional und DIN-Norm-gerecht umsetzen muß. Daß ausgerechnet der Sozialdemokrat Strieder jetzt die Ästhetik entdeckt, ist ein Symptom für ein verändertes Verhältnis der Berliner zur Stadt.

Als er und sein Staatssekretär Hans Stimmann Ende 1996 jenes "Planwerk" vorstellten, gerieten die gespaltenen intellektuellen Milieus des Status quo in Aufruhr. Dabei zielten die Prämissen des Projektes auf einen vernünftigen Konsens: Zwei kleine Planungsteams für die Ost- und die West-City hatten trotz einer schwachen politischen Beschlußlage einen Entwicklungsplan für das Zentrum gezeichnet. Dafür war es hohe Zeit: Das Gründerfieber nach dem Mauerfall hat ein einziges Chaos von Bezirksplanungen und Wettbewerbsgebieten gezeitigt. Die Stadt wäre hilflos der nächsten Investorenwelle ausgeliefert.

Die Verfasser des "Planwerks" versuchten Berlin wieder als Ganzes zu sehen und zu planen. Die historische Mitte, die für die meisten Berliner immer noch zu Ostberlin gehört, sollte mit der Westberliner City zusammengeführt werden.

Es galt, das alte Straßennetz neu zu flechten und das geschichtliche Muster Berlins zu kodifizieren. Die Mauer hatte ja nicht nur die städtische Gegenwart getrennt, sondern auch die gemeinsame Stadtgeschichte vernichtet.

Ihr Fall hat die Berliner abrupt vor die Frage gestellt: Wird die Liquidation des historischen Stadtgrundrisses so fortgesetzt, wie es die Moderne in Ost und West betrieben hat? Oder versöhnt sich Berlin wieder mit seiner Geschichte? Soll der Spittelmarkt, ein mittelalterlicher Platz vor dem Stadttor, wieder unter der achtspurigen Stadtautobahn hervorgeholt werden?

Soll die alte Königsstadt, die barocke Stadterweiterung im Osten, wieder erkennbar werden? Das "Planwerk" postuliert die Normalität einer europäischen Stadt, die sich nach den Regeln ihrer Geschichte entwickelt. Es will Berlin vereinen.

Der neualte Grundriß bietet den Ostberlinern einen historischen Kompromiß an: Die abgebrochene Moderne der einstigen DDR-Hauptstadt mit ihren konturlosen Aufmarschräumen und suburbanen Plattenbauten wird anerkannt (Prinzip "Kein Abriß"), aber sie wird auch zugleich verabschiedet. Auf die kahle und zugige Stadtutopie des Sozialismus wird der historische Stadtgrundriß aufgeschichtet. Zudem soll das geschichtliche Zentrum neu besiedelt werden.