Sollte New Labours ehrgeiziges Projekt einer tiefgreifenden Reform von Staat und Gesellschaft scheitern, wird man bei der Ursachenforschung an diesem Buch nicht vorbeikommen. Die Biographie über Gordon Brown enthüllt, daß im Zentrum der Macht eine Zeitbombe tickt. Zwei enge Freunde, beide klug, äußerst ehrgeizig, haben sich in bittere Rivalen verwandelt. Tony Blair, der Jüngere der beiden, hat den Senior des Gespanns überflügelt. Längst nicht verheilt sind die Wunden, die 1994 beim Kampf um die Nachfolge des verstorbenen Labour-Führers John Smith aufbrachen.

Gordon Brown hat bis heute nicht verwunden, daß Labour Blair und nicht ihn zum Parteiführer erkor. Die Sonderstellung, die der Premier dem gekränkten Freund zugestand, hat seinen Groll nicht vermindert. Ein Schatzkanzler ist im britischen Kabinett ohnehin der wichtigste Minister. Blair überließ ihm darüber hinaus die Federführung der gesamten ökonomischen und sozialpolitischen Strategie New Labours. Sein "Eiserner Kanzler" darf ziemlich ungehindert anderen Ministern ins Handwerk pfuschen.

All das hat nichts gefruchtet. Brown kann weder vergessen noch vergeben. Er fühlt sich ausgetrickst, ja hintergangen. Die von ihm ausdrücklich autorisierte Biographie macht klar, daß Brown sich für den Spitzenjob besser geeignet hält - als Mann der Ideen, die Blair nur geschickt verwertet, und der zugleich den Traditionen und Werten Labours viel enger verbunden ist als der leichtfüßige Außenseiter aus großbürgerlichem Haus.

Autor Paul Routledge, politischer Korrespondent des Independent on Sunday, hegt für New Labour wenig Sympathien. Genüßlich läßt er uns wissen, daß selbst Blairs vielbewunderte Law-and-order-Strategie (tough against crime and tough against the causes of crime) in Wahrheit von Gordon Brown kreiert worden sei. Sollte dies zutreffen, wäre Browns Bitterkeit noch besser nachzuvollziehen. Dieser Slogan brachte, höchst wählerwirksam, Labours neue Politik zur Bekämpfung explodierender Kriminalität auf den Punkt. Er signalisierte den Abschied von festgefahrenen Links-rechts-Positionen. Blair vermochte sich in den entscheidenden Jahren 1993 und 1994 als innenpolitischer Sprecher derart überzeugend in Szene zu setzen, daß ihm die Parteiführung nicht mehr streitig zu machen war, als der Spitzenjob plötzlich vakant wurde. Blair, nicht Brown, war damals bereits Star und Kronprinz der Partei.

Daß der Schatzkanzler dies noch immer nicht eingesehen hat, spricht für seinen brennenden Ehrgeiz und Machthunger. Brown ist ein widerspruchsvoller Charakter - nach außen dunkel und brütend wirkend, kann er im privaten Kreis witzig und höchst charmant sein. Hochintelligent und entscheidungsfreudig, hat er stets noch im entscheidenden Moment gezaudert - politisch wie privat.

Die Biographie hat der Regierung geschadet. Jetzt fehlte nur noch eine ernste sachliche Meinungsverschiedenheit zwischen Premier und Kanzler, um eine bedrohliche Krise auszulösen. Zumal die Vertrauten der beiden Labour-Politiker mit bösartigen, abfälligen Pressebriefings die Atmosphäre zusätzlich vergiftet haben. Die Brown-Biographie bestätigt einmal mehr die Erkenntnis Gladstones, daß es "an der Spitze keine Freundschaft gibt".

"Gordon Brown"