Große Weltpolitik kann in Moskau wie eine Flasche Schampanskoje wirken.

Sie macht kühn und lockert die Zunge. Solchermaßen aufgekratzt gab sich Präsidentensprecher Sergej Jastrshembskij vorige Woche. Auf die Frage, ob die Irak-Mission des stellvertretenden Außenministers Wiktor Posuwaljuk mit Washington abgestimmt sei, antwortete Jastrshembskij: "Wozu ist das nötig?"

Rußland will in der Irak-Krise seine Unabhängigkeit und Bewegungsfreiheit auf der Bühne der Weltpolitik demonstrieren. Der Emissär Posuwaljuk hat schon zum zweiten Mal in diesen Tagen einen Brief von Boris Jelzin nach Bagdad gebracht. Das Moskauer Außenministerium schweigt über Saddam Hussein, kritisiert aber im Chor mit Frankreich den UN-Inspekteur Butler, der sich drastisch über Iraks Rüstungsprogramm äußert. Ruhig und bestimmt fordert Außenminister Jewgenij Primakow die Vereinigten Staaten auf, den diplomatischen Weg einzuhalten: "Wir wünschten uns, der amerikanische Zugang wäre weniger emotional überladen und realistischer." Primakow will keine "Demonstrationen der Stärke", sondern verhandeln und verhandeln, damit "für den Irak das Licht am Ende des Sanktionstunnels leuchtet".

Primakow wirkt beim Sprechen bei öffentlichen Auftritten etwas muffelig, weiß aber konstruktiv zu vermitteln, wenn sich andere schon an die Gurgel gefahren sind. Mit dem Nahen Osten ist er besser vertraut als jeder amerikanische Spitzenpolitiker. "Ich kenne Saddam seit 1969", verriet der ehemalige Nahost-Korrespondent für die Prawda kürzlich. "Er ist bei weitem nicht so primitiv, wie man ihn darstellt. Er versteht, daß es für den Irak äußerst schwierig ist, auf unbegrenzte Zeit in der Isolation zu leben."

Primakow, bis 1985 Leiter des Moskauer Orientinstitutes, setzt auf die Einsicht Saddams: "Der Irak muß optimal mit den UN-Inspekteuren zusammenarbeiten. Aber dabei soll Saddam Hussein sein Gesicht wahren können."

Im vergangenen November konnte Primakow mit seiner Diplomatie des uferlosen Dialogs drohende Bombenangriffe auf den Irak abwenden. Damals ließ Saddam amerikanische Inspekteure wieder ins Land, weil Moskau versprach, sich für die Aufhebung der Sanktionen einzusetzen. Primakow strahlte, als er in Genf die Übereinkunft bekanntgab. Freuen durften sich auch russische Konzerne, die mit dem Irak Milliardenverträge über den Wiederaufbau der Ölindustrie abgeschlossen haben. Voraussetzung ist freilich die Aufhebung der Sanktionen.

Doch die scheint jetzt ferner denn je. Es ist fraglich, ob Primakow seinen Coup vom November zu wiederholen vermag.