Berlin Auf der Toilette herrscht miese Stimmung. Die Toilettenfrau wird mit jedem Kunden, der ihr die Groschen auf den Kuchenteller wirft, mürrischer.

Rosemarie Schuder bleibt zurück und wartet, bis es ein wenig ruhiger wird.

Sie will wissen, woher die üble Laune der alten Frau plötzlich kommt. Die zieht die Wochenpost unter ihrem Tisch hervor, zeigt auf die letzte Seite und sagt: "Gerade habe ich angefangen, den Hirsch zu lesen, und jetzt komme ich nicht mehr weiter." Rosemarie Schuder, von der die alte Frau nicht wußte, daß sie die Ehefrau Hirschs ist, lächelt ihr verständnisvoll zu und geht - ohne ihr zu sagen, daß Hirsch ein paar Treppen weiter oben steht und auf den Beginn seiner Lesung wartet. Jahrzehnte sind seit diesem Abend in Annaberg-Buchholz vergangen. Rosemarie Schuder schüttelt den Kopf: "Ich verstehe bis heute nicht, warum ich dieser Frau nicht verraten habe, daß Rudolf ganz in ihrer Nähe ist." Aber sie überlegt nicht weiter - und beginnt, die nächste Geschichte zu erzählen. Vom Polizisten, der ihr die Strafe erließ, obwohl sie mitten in Berlin bei Rot über die Ampel gerast war. Es hatte genügt, ihm zu erklären, daß sie ihren Mann dringend im Krankenhaus besuchen müsse.

An der Gesundheit von Rudolf Hirsch waren von Thüringen bis zur Ostsee mindestens 1,3 Millionen Leser interessiert. In dieser Auflage erschien die Wochenpost, gelesen wurde sie aber von wesentlich mehr Menschen. Die Exemplare wanderten vom Vater zur Mutter zum Großvater bis zu den Nachbarn und deren Söhnen und Töchtern. Wer die Wochenpost ergattern konnte, hatte es entweder verstanden, mit der Verkäuferin am Zeitungskiosk so lange zu flirten, bis ihre Hand unter den Ladentisch griff, oder hatte sich mit hellseherischer Intuition schon in den frühen Jahren der DDR ein Abo gesichert, welches dann zum Familienbesitz erklärt und oft sogar vererbt wurde. Wer also zur Schicht der Wochenpost-Privilegierten gehörte, der wollte auf keinen Fall auch nur eine Woche auf Rudolf Hirschs Gerichtsreportage verzichten.

Vom Tag der ersten Ausgabe, Weihnachten 1953, bis 1981, als sich Hirsch mit seiner letzten Reportage verabschiedete, füllte er allwöchentlich eine halbe Seite als "Zeuge in dieser Sache". Und so wurde es bald zur selbstverständlichen Gewohnheit, die Lektüre der Zeitung mit der letzten Seite, der Hirsch-Seite, zu beginnen. Hier stand der "Leitartikel des kleinen Mannes", wie Leser und Redakteure die Hirsch-Reportagen oft nannten. Und noch heute behaupten einige, daß Hirsch die Wochenpost war und mit seinem Weggehen das Ende der Zeitung begann. Die Leute verschlangen seine Geschichten wie Westschokolade, lutschten sie aus bis zum Punkt hinter dem letzten Satz. Und es waren die Geschichten der kleinen Leute, die Hirsch voller Einfühlung und Sensibilität in fast literarischer Form erzählte und über die man dann morgens an den Bushaltestellen die Leute reden hören konnte.

Zwar machte sich Hirsch auch einen Namen als Berichterstatter des Auschwitz- und des Maidanek-Prozesses. Er schrieb aber nicht über die großen politischen Prozesse in der DDR. Dort führte die Staatssicherheit Regie, da wäre Hirsch unerwünscht gewesen: "Solche Prozesse, wie die gegen Republikflüchtige zum Beispiel, wurden sowieso unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt", erzählt Hirsch. Außerdem hätte er in diesen Fällen nie das schreiben können, was er wirklich gesehen und empfunden hatte. Und so blieb Hirsch bei diesen kleinen, schnell zu übersehenden Delikten wie Diebstählen, Unterschlagungen oder Schwarzmarktgeschäften. Fällen, bei denen so mancher Gerichtsreporter in Westdeutschland wohl nur gelangweilt gegähnt hätte. Hirsch selbst schrieb dazu: "Ich habe mir die Fälle von armen und weniger armen Sündern angehört.

Und ich hatte auch sogar die Absicht, Gerichtsberichte zu schreiben. Aber es wurden immer wieder Geschichten von Liebe, von Lust und Torheit, von Grausamkeit und Totschlag, von armen und reichen Schluckern." Und weil sich Rudolf Hirsch an viele Geschichten nicht mehr erinnern kann, hat er "ausgesuchte Sündenfälle" aus über dreißig Jahren noch einmal zwischen zwei Buchdeckel geklemmt und sich sozusagen ein Geschenk zum neunzigsten Geburtstag gemacht ("Ausgesuchte Sündenfälle. Der Reporter in eigener Sache" Verlag Neues Leben 1997).