Bücher haben keine Gerüche, keinen Klang, kein Licht? Vielleicht. Aber Erinnerungen kennen den Duft von frisch gemähtem Gras, den hohen, schrillen Ton der Handsägen und das weiche, goldene Licht, das durch die Ritze in der Scheunenwand blitzt. Und wenn Erinnerungen so aufs Blatt fließen wie bei Gary Paulsen, wenn sie verdrängte Seiten der eigenen Geschichte aufblättern und lebendig werden lassen, dann haben Bücher sehr wohl Geruch, Klang und Licht.

Gary Paulsens Erzählungen aus einem Kindheitsjahr auf einer Farm im Norden Minnesotas besitzen diese Eigenschaft: präzise Bilder eines Erwachsenen, der sich ganz in die Gedankenwelt und das Leben eines Elfjährigen zurückversetzt, in den weichen Frühling, den langsam wachsenden Sommer, den Herbst des Schlachtens, den "Raum dazwischen", und den Winter. Das Leben bewegt sich im Rhythmus der Jahreszeiten, mit Handgriffen fürs Roden, fürs Melken, fürs Dreschen.

Sie müßte uns - ferne Welt, ferne Zeit - fremd bleiben. Mitnichten. Die Erlebnisse von Eldon mögen fern sein, sie wirken doch vertraut. Es ist die Entschiedenheit des Schriftstellers, sich als Erwachsener in die Welt eines Kindes einzufügen. Seine Einfachheit macht die Geschichte offen, die Genauigkeit ermöglicht Nähe. Eine Wirkung, die auch die warmen Schwarzweißbilder der Illustratorin Regine Tarara auslösen: In ihrer klaren Form werden sie Teil dieses Klangs.

Im Winterzimmer erzählt David, der Großonkel. Nur im Winter wird das Zimmer geöffnet und bewohnt, nur im Winter hören die beiden Brüder Wayne und Eldon, die Eltern und Großonkel Nels jene Geschichten vom Tod der schönen Alida, von Orud dem Wikinger, vom verrückten Alen, von jenem sagenhaften Holzfäller, der mit zwei Äxten ein Holz so spalten konnte, daß sich die Klingen in der Mitte zart treffen.

Trotz gefühlsbetonter Stimmungen schreibt Paulsen nie nostalgisch verklärt, erzählt er mit Humor und Liebe, ohne die Brüche in der Harmonie zu verschweigen. Seine Erinnerungen an die vier Jahreszeiten, an ihre Gerüche, Klänge und ihr Licht sind modrig und süß, laut und still, bunt und grau - in allen Schattierungen. Nur in einem ist Paulsen eindeutig: in der Verteidigung des Geschichtenerzählens als Lebenselixier, das von Generation zu Generation weitergegeben werden muß - um zu überleben.

Und so zerbricht der magische Kreis, als das Spiel von Erinnerung und Phantasie zerstört wird: Eldons Bruder beschimpft den Onkel als Lügner. "Das ist reine Angeberei und nicht nur eine Geschichte", beschwört er seinen Bruder. "Verstehst du denn nicht? Vater hat ihn doch dabei erwischt. Onkel David hat Lügen über sich erzählt, und deswegen ist alles gelogen, erstunken und erlogen."

"Es geht weniger darum, die Geschichten zu glauben", sagt einmal Waynes und Eldons Mutter, "sondern darum, an sie zu glauben." Dies könnte Gary Paulsens poetisches Programm beschreiben, mit dem er ganz alltägliche Dinge so verzaubert, als seien sie erfunden.