Eigentlich hat Guido Westerwelle alles richtig gemacht. Er hat den ausgezehrten Liberalen ein neues Grundsatzprogramm verpaßt und sie gekonnt vermarktet. Die langweiligste deutsche Partei weckt plötzlich wieder Assoziationen und Affekte. Westerwelle polarisiert. Aus der Generation der Dreißigjährigen ist er der erste, der Einfluß gewonnen hat auf die politische Debatte. Selbst entschiedenen Gegnern nötigt der Neoliberale neben Wut auch Respekt ab. Er freut sich darüber. Ein wenig Stolz muß sein. Nur wirklichen Erfolg hat Guido Westerwelle nicht.

Oder sind die allseits abrufbaren Aversionen ein erstes positives Zeichen?

Westerwelle verbucht sie so. Als demonstrierende Bergarbeiter im letzten Sommer die Scheiben der Bonner FDP-Zentrale einschlugen, erschien ihm das als gelungene Werbemaßnahme. Daß "heute keine Gewerkschaftsversammlung in Deutschland stattfindet, ohne daß ich als personifizierter Neoliberaler, als Antichrist herhalten muß" - es trifft ihn nicht wirklich. "Das ist vielleicht persönlich unangenehm", findet er, "aber zugleich ist es ein Moment der politischen Profilierung."

Kürzlich haben Unbekannte einen Anschlag auf sein Wohnhaus in der Bonner Altstadt verübt. Auch das nimmt er professionell: "Ich als Person und damit auch die Partei werden für eine bestimmte Richtung ernst genommen." Er unterscheidet einfach, was die Attentäter ganz offensichtlich nicht unterscheiden wollten. "Das galt nicht mir persönlich, sondern mir als Homo politicus", sagt er.

Ob Guido Westerwelle sich manchmal die Frage stellt, ganz privat, ob seine politische Mission das alles wert sei, läßt er nicht erkennen. Dabei müßten auch dem Homo politicus allmählich Zweifel kommen. Denn aus der Fünfprozentzone hat die neue FDP nicht herausgefunden. Auch unter seiner Regie bleibt bislang jeder Wahlgang eine Zitterpartie.

Kürzlich scheiterte die FDP in Hamburg, jetzt starren die Liberalen nach Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Acht Wahlen verlor die FDP 1994, bevor Klaus Kinkel Westerwelle zum Generalsekretär machte. Viermal über, viermal unter fünf Prozent lautet seither die Wahlbilanz: ausgeglichen, also prekär.

Offenbar zweifeln die Wähler noch immer, ob sich das Land eine neoliberale Partei leisten kann. Dabei hat Westerwelle längst Wirkung gezeigt. Selten lag eine Partei so im Trend der politischen Debatte wie die neue FDP: Deregulierung, weniger Staat, mehr Eigenverantwortung, radikale Reform des Sozialsystems und sparsame Haushaltspolitik - keine Partei, die heute einfach ignorieren könnte, was Westerwelle zum Programm erklärt hat. Keine künftige Regierung wird ganz ohne diese Melodie auskommen. Westerwelles schrill klingender Avantgarde-Anspruch, ganz unberechtigt scheint er nicht.