Neurowissenschaftliche Erklärungen mentaler Vorgänge stehen in dem Ruch, zwar auf ihre Weise vielleicht richtig, aber kalt zu sein. Sie erzeugen kaum emotionalen Widerhall in unserem Bedürfnis nach Sinn, nicht jenes freudige "Aha", das selbst die unbedarftesten psychologischen Erklärungen hinterlassen können. Unser Geist hat größte Mühe, von den immer spezielleren Mikrodetails die Brücke hinüber ins Alltagsdenken zu schlagen. Erkenne dich selbst, schön und gut - aber wie soll das gehen, wenn dazu ein paar Fachstudien erforderlich wären und man des großen Zusammenhangs doch nie ansichtig würde?

Darum ist der Versuch des Göttinger Universitätspsychiaters Gerald Hüther, seine neurobiologische Spezialität, die Streßforschung, auf eine Weise zu erklären, der auch der Laie folgen und die sogar den Geisteswissenschaftler ansprechen könnte, von vornherein hoch willkommen. Gräben zuschütten, Fronten aufweichen, zwischen den beiden Kulturen vermitteln soll sein Buch "Biologie der Angst", und er hat sich dazu sogar eine neue Methode einfallen lassen. Es ist ein Experiment der Vermittlung, das er inszeniert - und leider geht es negativ aus.

Die beiden Kulturen sind in Hüthers Buch durch zwei Schriftgrößen vertreten: in normaler Größe der Text für den Normalverstand, in einem kleineren Grad technisches Detail für den, der es genauer wissen will. Zunächst scheint die Idee gar nicht schlecht. Aber das Großgedruckte ist meist außerordentlich allgemein gehalten und unterfordert den Leser das Kleinergedruckte dagegen ist vom Fachmann für den Beinahefachmann geschrieben. Keine Brücke führt vom einen zum andern. Das Buch setzt ein sozusagen bifokales Leseverständnis voraus, sehr naiv und sehr beschlagen zugleich. Der Laie versteht nicht, und der Fachmann wundert sich.

Dabei wäre, was Hüther mitzuteilen hätte, kein arkanes Grundlagenwissen, das schwer an den Mann zu bringen ist. Jeder kennt die physiologische Streßreaktion. Sie versetzt den ganzen Organismus in einen Alarmzustand: Die geistige Wachheit wird erhöht, Herz und Atmung werden beschleunigt, Energiereserven mobilisiert Verdauungs-, Immun- und Reproduktionsfunktionen aber werden vernachlässigt. Hüther betont, daß die scheinbare Kalamität sehr wohl ihr Gutes habe: Die Rückwirkungen der im Gehirn ausgelösten körperlichen Kaskade ins Gehirn selbst erhöhen dessen Lernbereitschaft und -fähigkeit. Ein (beispielsweise sozialer) Stressor fordert uns heraus, versetzt Gehirn und Körper in einen Ausnahmezustand, der sich so unangenehm bemerkbar macht, daß man ihn unbedingt möglichst rasch beenden möchte, der aber nicht nur die Suche nach Bewältigungsstrategien auslöst, sondern ihre Auffindung leichter macht: die Streßreaktion als Motor der Verhaltensanpassung an veränderte Umstände, sowohl für das Individuum wie, im evolutionären Maßstab, für die ganze Gattung.

Für den erfolgreich auflösbaren und damit nur kurz anhaltenden Streß ist das plausibel und nicht neu, in vielen Einzelheiten empirisch belegt. Aber was, wenn es keinen Ausweg gibt oder man ihn nicht finden kann? Dann wird der Streß unkontrollierbar, und die Streßreaktion findet kein Ende. Die Umgangssprache nennt das begleitende Gefühl "Verzweiflung".

Hüther riskiert den "ketzerischen" Gedanken, daß selbst dieser unkontrollierbare Streß noch sein Gutes habe: Er reiße nicht mehr taugliche Verschaltungen im Gehirn ein, um so Platz für neue zu machen. Doch dafür bleibt Hüther jeden Beweis schuldig er gibt nicht einmal ein Gedankenbeispiel dafür, wann und wo und wie ein anhaltender Streß das Gehirn zur Reorganisation veranlassen könnte.

So ist es leider ein leerer Trost, auf den das Buch hinausläuft. Es ist, als rehabilitierte jemand die Arbeitslosigkeit (einen sozialen Dauerstressor) mit dem Argument, sie versetze ja den Betroffenen in die glückliche Lage, sich einen besseren neuen Job zu suchen. Die Botschaft, die Hüther auf dem Hintergrund seines neurobiologischen Wissens den Verzweifelten vom Göttinger Pferdeberg herab predigt, bleibt also eigenartig substanzlos und existiert überhaupt nur, weil er sich mit seiner sprachlichen Zweiteilung die Möglichkeit schuf, dem Kleingedruckten in die wolkigen und hochgemuten Verallgemeinerungen des Großgedruckten auszuweichen. Sonderbar auch: Hier hat ein Psychiater eine "Biologie der Angst" geschrieben, aber wer darin etwas über Angststörungen erfahren möchte, die in der psychiatrischen Praxis eine wichtige Rolle spielen, findet mit keinem Wort auch nur ihre Existenz erwähnt.