Der deutsche Geschäftsmann Helmut Hofer ist wegen angeblicher sexueller Kontakte zu einer ledigen Muslimin im Iran zum Tod durch Steinigung verurteilt worden. Nach islamischem Recht, der Scharia, ist diese Entscheidung unhaltbar. Hofer wurde offenbar das Opfer einer politisch motivierten "Antwort" auf das Berliner "Mykonos"-Urteil vom April 1997.

Sollte die iranische Justiz unabhängig sein, wie Außenminister Kamal Kharrasi vorige Woche in Davos erklärte, muß das Urteil vom Obersten Gerichtshof in Teheran kassiert werden.

In den westlichen Medien gilt die Scharia in der Regel als strenges Gesetzeswerk, das mittelalterliche Strafbestimmungen wie Steinigen oder Auspeitschen zwingend vorschreibt. Tatsächlich ist die Scharia, wörtlich der "Weg zur Tränke", ein komplexes Rechtssystem, das die alltäglichen Beziehungen des Muslims zu Gott regelt. Weil nach islamischem Glauben die von Gott gesetzte und von Mohammed offenbarte Schöpfungsordnung vollkommen ist, bedeutet das Diesseits Gottesdienst (Koran 51, 56). Die Scharia ist deshalb ursprünglich eine Pflichtenlehre, die sowohl ethische Normen als auch die verschiedenen Rechtszweige umfaßt. In der Frage, wie diese Normen und Rechtsvorschriften im einzelnen zu fassen und auszulegen seien, unterscheiden sich die einzelnen Rechtsschulen (vier sunnitische und - im Iran - eine schiitische) erheblich. Im Laufe dieses Jahrhunderts wurde die Scharia weitgehend von weltlichen, aus Europa übernommenen Gesetzen und Zivilgerichten verdrängt. Heute spielt die Scharia nur noch im Ehe-, Familien- und Erbrecht eine Rolle - mit Ausnahme von islamistischen Staaten wie Saudi-Arabien und Iran, wo sie ausdrücklich als maßgebliche Quelle der Rechtsschöpfung gilt. Auch die aus islamischer Frühzeit stammenden Strafen wie Steinigung oder Gliederabtrennung, ursprünglich Rechtsnormen umherziehender Beduinenstämme, die naturgemäß keine Gefängnisstrafen verhängen konnten, wurden dort beibehalten. Vollstreckt werden sie selten. In Saudi-Arabien wie im Iran kann Ehebruch mit der Todesstrafe geahndet werden - aber nur, wenn vier männliche Augenzeugen die Ehebrecher in flagranti ertappen. Das war bei Hofer nicht der Fall - außerdem ist seine Partnerin nicht verheiratet.