Versteckt zwischen Seite 46 und 64 stand die Story im Januarheft des New Yorker. Doch Manhattans Stadtneurotiker haben sie sofort gelesen. Und jeder wollte auf der Stelle mit allen darüber reden - auf Partys, beim Lunch, mit Kollegen.

Graue Wochen. "Anatomie einer Melancholie" nannte Andrew Salomon, der 32jährige Autor, sein Protokoll. Aus heiterem Himmel sei die unberechenbare Kreatur über ihn hergefallen, berichtet er. Gerade als er ein schönes Haus gekauft, seinen ersten Roman veröffentlicht und den Tod seiner Mutter überwunden hatte. Das Untier namens Depression trieb ihn plötzlich in die Langeweile, die Müdigkeit und in die Angst vor dem Selbstverlust.

Mein Freund James, ein introvertierter Zeichner ohne Ambitionen, hatte den Artikel gleich am Tag seines Erscheinens verschlungen. Bei Tee und leichtem Gebäck nahm er die Lektüre zum Anlaß, mir von seinem eigenen Kontakt mit dem dunklen Biest zu berichten. Und er betonte, daß er im Unterschied zu dem Erzähler niemals die Kontrolle über seinen Darm verloren habe. Offenbar war dieses Mißgeschick für James, den auch in Notzeiten stets gestriegelten Elegant, die größte Katastrophe.

Dann rief mich Jessica an. Und zwar morgens, ohne Rücksicht auf die ihr sonst so heiligen Arbeitszeiten. Ausführlich schilderte sie, wie Salomons freimütiges Geständnis von Verlassenheit und Einsamkeit sie beeindruckt habe.

Die ehrgeizige Werbetexterin, die kaum eine Party ausläßt, hält loneliness für das gefährlichste Wort der englischen Sprache. Ihre eigenen Panikattacken und die Schlafstörungen, von denen ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male erfuhr, nehmen sich ihrer Ansicht nach dagegen beinahe harmlos aus.

Und auch allen anderen, die selbst schon einmal mit der Bestie Bekanntschaft geschlossen hatten, bereitete Salomons Chronik ein aufregendes Leseerlebnis.

Sie spürten den metallischen Geschmack der Angst auf der Zunge und eine Auflehnung dagegen, wie unaufhaltsam der Autor selbst verlorengeht. Salomon habe eine Mutprobe bestanden, ist ihr Urteil. So muß man die schonungslose Schilderung im sozialdarwinistischen Klima dieser Stadt wohl tatsächlich nennen. Keiner enthüllt hier ohne Not den Verlust seiner Autonomie, und niemand bekennt sich dazu, in den Ecken seiner Verzweiflung maßlos viel Zeit verschwendet zu haben.