Einmal hat sie Pinochet aus der Nähe gesehen, als er nach dem Tedeum die Kathedrale in Santiago verließ, und gleich fielen ihr die blauen Augen auf.

Damals war sie ein Bündel Angst, Gefangene seines Geheimdienstes, unterwegs auf einem kurzen Spaziergang mit Bewachern. Sie sah die blauen Augen, himmelblaue Augen, sagt sie, und war ein bißchen beruhigt. Sie hatte eine wahnsinnige Angst vor Pinochet und seinen Leuten, aber blaue Augen verband sie mit Wärme und Friedlichkeit. "Ich wollte ihn als nicht so böse wahrnehmen."

Sie muß lachen. "Unglaublich", sagt sie, "wie die Angst einen Menschen beherrscht."

Marcia Merino, die in diesem Jahr fünfzig wird, sitzt unter Avocadobäumen, trinkt Kaffee und raucht. Es sollte warm sein, aber der Wind, der von Süden kommt, bläst kühle Luft in ihren Garten. Sie fröstelt.

Wo sie lebt, soll keiner wissen: auf einer der vielen chilenischen Inseln.

Sie läßt sich nicht photographieren, will nicht erkannt werden von den Touristen, die sich manchmal hierher verirren. Sie braucht Ruhe, um mit dem, was gewesen ist, fertig zu werden.

Gelegentlich sieht sie Pinochet bei Paraden im Fernsehen und denkt: Er ist der Sieger, er triumphiert. Spätestens im März tritt er als Chef des Generalstabes zurück, wird Senator auf Lebenszeit. An ihn traut sich keiner ran. "Angst", sagt Marcia Merino, "das ist heute noch so."