Hongkong

Der Präsident der Handelskammer, James Tien, ein eleganter Industrieller mit Nickelbrille, fährt sein Auto selbst. Der Jungstar der Hongkonger Managerszene mag keine Chauffeure und ähnlichen kolonialistischen Schnickschnack. Textilfabrikant Tien, der das 1946 gegründete Geschäft vom Vater übernahm, will ein Vertreter des modernen China sein. Aber: Seit wann fährt ein so reicher Mann Audi statt Rolls-Royce?

"Wir machen uns so viele Sorgen wegen der Wirtschaft, daß alle ihre Gürtel enger schnallen." Während Tien Stau und Skyline hinter sich läßt, um das altenglische Hongkonger Stadtparlament anzusteuern, wandelt sich der Geschäftsmann zum volksnahen Politiker. Schon unter britischer Herrschaft diente der Lobbyist Tien als Abgeordneter. Auf Wunsch der Pekinger Führung nahm er sein Mandat mit in die neue Ära, die mit der Übergabe Hongkongs an China am 1. Juli 1997 begann. "Demokratie ist nicht der einzige Weg zur Freiheit", prophezeite Tien damals. Jetzt fühlt er sich bestärkt: "Wer redet noch von politischen Problemen mit den Kommunisten. Wenn unsere Stadt als erste aus der Krise aufersteht, dann nur, weil wir China hinter uns haben."

Die Kommunisten sind populärer denn je

Die neue Hongkonger Bescheidenheit erfreut vor allem die Herrscher in Peking.

Tatsächlich sind die Kommunisten in der ehemaligen Kronkolonie populärer denn je. Wirtschaftstief und Börsenkrise haben die Stimmung in der Hafenmetropole umkippen lassen: Vom Triumphgefühl der Übergabe, als alle Welt auf Hongkong blickte, zum Katzenjammer der Asien-Krise, in der die Touristen und das Finanzkapital andere Wege gehen. Was bleibt sechs Millionen Hongkong-Chinesen da anderes übrig, als sich respektvoll nach Peking umzuschauen, das die Krise bisher ohne Anstalten meistert. "Die Unzufriedenheit mit den Leistungen der chinesischen Regierung ist auf den niedrigsten Stand seit Beginn der neunziger Jahre gesunken", berichtet der Politologe Lo Shui Hing vom Hongkong Transition Project. Seit 1991 führt Lo regelmäßig Befragungen in der Stadtbevölkerung durch. Seine Befunde lieferten in der Vergangenheit Munition gegen das Pekinger Regime. Nun aber ist der Anteil der mit China Unzufriedenen von 51 Prozent der Bevölkerung im Juni 1997 auf 39 Prozent zu Jahresbeginn gefallen. Gleichzeitig stieg die Unzufriedenheit mit der Hongkonger Regierung unter Gouverneur Tung Chee Hwa von 27 auf 35 Prozent.

Selbst den tapfersten China-Kritikern verschlägt es die Sprache. "Peking hat einfach Glück", konzediert Martin Lee, der Führer der Demokratischen Partei Hongkongs.